Burkhard Teuber, Vorsitzender des Vorstandes der AWO Region Hannover.

Wie geht die AWO mit Gewalt um?

Magazin AWO ImPuls - Schwerpunkt Gewalt: Interview mit Burkhard Teuber, Vorsitzender des Vorstandes der AWO Region Hannover

Region Hannover/ Hannover. Die AWO ächtet jede Form von Gewalt, hat Präventionskonzepte und bietet Betroffenen Hilfe an. Aber wie reagiert die AWO, wenn sie selber in der Verantwortung steht? Wir haben Burkhard Teuber, Vorsitzender des Vorstandes der AWO Region Hannover, gefragt. Vor dem Landgericht Hannover hat vor kurzem der Prozess gegen einen ehemaligen AWO Mitarbeiter begonnen, der als Erzieher in der Kindertagesstätte Wiehbergstraße der AWO Region Hannover gearbeitet hat. Ihm wird vorgeworfen, sich in der Zeit zwischen 2004 und 2020 an Mädchen im Alter von sechs bis acht Jahren vergangen zu haben. Dem Täter droht jahrelange Haft.

Wie hat die AWO von dem Vorfall erfahren?

Burkhard Teuber: Die Polizei hat angerufen und uns über die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs informiert. Seitdem arbeiten wir eng mit Polizei und Staatsanwaltschaft zusammen. Beide hatten uns gebeten, mit dem Vorfall nicht frühzeitig in die Öffentlichkeit zu gehen, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Nach allem, was wir jetzt wissen, hat sich der Verdacht von sexuellem Missbrauch bestätigt. Die ältesten Betroffenen sind heute 21 oder 22 Jahre alt, die jüngsten acht oder neun. Die Mädchen waren zur jeweiligen Tatzeit zwischen sechs und zehn Jahre alt und mussten seine Annäherungen teils über Jahre erdulden.

Konnte die AWO zu den Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft etwas beitragen?

Burkhard Teuber: Da von vornherein feststand, dass die Missbrauchsfälle lange zurückliegen, haben wir uns bemüht, die Namen der Kinder, die damals in der Hortgruppe waren, zu ermitteln. Viele der Kinder hatten die Kita aber bereits verlassen und die Unterlagen werden nur circa fünf Jahre aufgehoben. Über die Rechnungsbelege aus der Buchhaltung ließ sich aber feststellen, welche Kinder in der Zeit davor die Hortgruppe besuchten. Wir haben dann die Namens- und Adresslisten der Kinder an die Polizei übergeben, die nach und Kontakt zu den Familien aufgenommen hat.

Wie geht die AWO als Träger mit dem Vorfall um?

Burkhard Teuber: Als Sofortmaßnahme haben wir den Kita-Mitarbeiter nach Hause geschickt – ihn ohne Bezüge freigestellt und die Landeshauptstadt Hannover und das Land Niedersachsen informiert. Außerdem haben wir die Mitarbeitenden der Kita von ihrer arbeitsrechtlichen Verschwiegenheitspflicht entbunden. Dadurch konnten sie bei der Polizei aussagen. Gerade zu Beginn ist es in einer solchen Situation wichtig, abzuwägen, wie wahrscheinlich es ist, dass sich der Verdacht bestätigt. Bei unberechtigten Vorwürfen müssen wir natürlich auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schützen. In dem Fall war es schnell klar, dass die Missbrauchsfälle stattgefunden haben. Für die betroffenen Kinder ist das eine Katastrophe. Viele von ihnen werden ihr Leben lang unter der sexuellen Gewalt leiden, die ein AWO Mitarbeiter verursacht hat. Wir sind als AWO nicht schuldig an den Taten, wir tragen aber Verantwortung für das, was passiert ist und das haben wir nach Abschluss der polizeilichen Ermittlungen in einem Brief an die Eltern zum Ausdruck gebracht.

Welche Maßnahmen zum Kinderschutz gibt es bei der AWO?

Burkhard Teuber: Wir beschäftigen uns seit vielen Jahren mit dem Thema Kindeswohlgefährdung und haben mit der Region Hannover und der Stadt Hannover Schutzkonzepte abgestimmt. Das fängt damit an, dass wir von allen pädagogischen Mitarbeitenden polizeiliche Führungszeugnisse einfordern. Die Abläufe bei einem Verdachtsfall der Kindeswohlgefährdung sind explizit schriftlich festgehalten. Außerdem werden alle pädagogischen Kräfte, die mit Kindern arbeiten, regelmäßig geschult. Gerade im vergangenen Jahr haben wir einen Schwerpunkt auf Präventionsmaßnahmen gelegt und die Enttabuisierung von sexuellem Missbrauch in den Mittelpunkt gestellt. Alle Mitarbeitenden setzen sich regelmäßig mit dem Thema auseinander. Nur so kann die Sensibilität, um Missbrauchsfälle zu verhindern und aufzuklären, erhöht werden.

Warum blieb der Missbrauch in der AWO Kita so lange unbemerkt?

Burkhard Teuber: Das Phänomen, dass Kindesmissbrauch oft unbemerkt bleibt, ist nicht nur bei der AWO so. Dass der Missbrauch jemand begangen hat, den man für einen netten Kollegen gehalten hat, ist für die meisten Menschen kaum vorstellbar. Zum anderen entwickeln die Täter oft professionelle Manipulationsstrategien. Sie haben gelernt, ihr Umfeld zu täuschen, sich selbst zu tarnen und sowohl die Kinder, als auch die Eltern und Kolleginnen für sich einzunehmen. Familienangehörige sind oft entsetzt und können es nicht glauben, wenn Männer, die sie als besonders herzlich und zugewandt erlebt haben, als pädophil enttarnt werden. Das ist Teil der Manipulation. Die sexuellen Übergriffe liefen über einen Zeitraum von 14 Jahren – eine sehr lange Zeit.

Wie gehen die Erzieherinnen der Kita mit dieser Situation um?

Burkhard Teuber: Die Mitarbeiterinnen, die mit dem Täter zusammengearbeitet haben, sind sehr belastet. Sie machen sich schwere Vorwürfe, warum sie nichts bemerkt haben. Niemand kann sich vorstellen, dass solch ein Verbrechen im nahen Umfeld passiert. Sie bekommen von uns Unterstützung durch Coaching und psychologische Hilfen.

Welche Konsequenzen zieht die AWO jetzt?

Burkhard Teuber: Die AWO hat 50 Kindertagesstätten mit mehr als 3.700 Kindern, die täglich von uns betreut werden. Wir sind froh, dass solche Fälle bislang nur wenig vorgekommen sind. Dennoch ist jeder Fall einer zu viel. Wir haben beschlossen, das Thema Enttabuisierung von sexueller Gewalt noch mehr zu verstärken. Es wäre wahrscheinlich anmaßend zu sagen, dass so etwas nicht mehr vorkommt. Aber wir werden alles tun, um Kindeswohlgefährdung und sexualisierte Gewalt zu verhindern.

Text: Gaby Kujawa/AWO, Foto: Christian Degener/AWO

Burkhard Teuber, Vorsitzender des Vorstandes der AWO Region Hannover.

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