Die beiden AWO Mitarbeiter Georgios Pertsemidis und Azad Sur vor dem AWO Streetwork/ Jugendkontaktladen in der Wartburgstraße.

„Wir müssen die Jugendlichen auffangen“

25 Jahre AWO Jugendsozialarbeit in Vahrenheide - rivalisierende Jugendbanden prägten die Anfangszeit

Hannover. Vahrenheide, März 1995: Zwei Jugendgruppen bekämpfen sich so heftig, dass der hannoversche Stadtteil zum Brennpunkt wird und in den kommenden Monaten nicht mehr aus den Schlagzeilen kommt. Bedrohungen, Diebstähle und Körperverletzungen sind an der Tagesordnung. Die Politik reagiert noch im selben Jahr: Sie richtet Angebote für die Jugendlichen ein und die Arbeiterwohlfahrt (AWO) wird mit aufsuchender Jugendsozialarbeit beauftragt. Heute kann die AWO Region Hannover auf das 25-jährige Bestehen ihrer Jugendsozialarbeit in dem Stadtteil zurückblicken. „Eigentlich wollten wir das Jubiläum in unserem Streetwork-Jugendkontaktladen feiern, aber das ist wegen Corona nicht möglich. Ich hoffe, wir können dann im nächsten Jahr 25 plus eins feiern“, sagt AWO Fachbereichsleiterin Ute Vesper.

Zurück zum Jahr 1995: Immer wieder liefern sich Jugendliche aus dem dicht besiedelten Stadtteil Vahrenheide und dem benachbarten Sahlkamp Schlägereien. „Plauener Straße und Klingenthal: Jeder Beamte in der Polizeiinspektion Welfenplatz kennt den kürzesten Weg zum Einsatzschwerpunkt im Revierbereich. Laut Statistik waren die Uniformierten allein in den vergangenen beiden Monaten 29 Mal dort. Die Einsätze haben fast immer den gleichen Grund: Streit, Bedrohung, Randale“: So beschreibt die Hannoversche Allgemeine Zeitung die Situation in ihrer Ausgabe vom 8. März 1995. In der Neuen Presse heißt es schlicht: „Im Klingenthal haben Kids das Kriegsbeil ausgegraben.“ Klingenthal ist der Name des Hochhauskomplexes mit mehr als 220 Wohnungen, der später abgerissen wird. Hier leben viele einkommensschwache Menschen auf engstem Raum. Insgesamt gibt es 2300 Jugendliche in Vahrenheide und die Kritik an der Stadt wird in diesen Wochen im Jahr 1995 lauter: Die „Sparflamme“ bei der Finanzierung von Jugendarbeit könnte zu Toten führen, befürchtet die Neue Presse. In Vahrenheide, so der Konsens, mangelt es an Angeboten für Jugendliche, lediglich für die Kinder von Spätaussiedlern gibt es welche – und dieser Missstand wird nach etlichen Gesprächen am Runden Tisch als Auslöser der Unruhen ausgemacht: Er habe zu „Sozialneid“ geführt. Der damalige Stadtdezernent reagiert: Ein Jugendtreff soll eingerichtet werden, um die Spannungen zu lösen. Dazu werden zwei Container am Spielplatz Holzwiesen aufgestellt und von einem Team aus Mitarbeitenden der Stadt und der AWO betreut. Doch allen Beteiligten ist klar: Es braucht einen dauerhaften Treffpunkt für die Jugendlichen. Als Standort wird eine Hochgarage in den Holzwiesen ausgemacht. Die Jugendlichen sollen in die Planung mit einbezogen werden und die AWO den Jugendtreff betreuen. „Es soll ein Treff für alle Nationalitäten aus dem Stadtteil werden“, sagte der damalige AWO Geschäftsführer Dieter Zywicki. Rund zwei Jahre später ist es soweit: Im Jugendkontaktladen nimmt die AWO ihre Arbeit auf, Streetwork und Jugendtreff werden verbunden.

Heute, fast 25 Jahre später, gibt es in Vahrenheide keine rivalisierenden Banden mehr, die sich offen bekriegen, aber  der Stadtteil bleibt ein Brennpunkt mit regelmäßigen Vorfällen und vielen Jugendlichen, um die man sich kümmern müsse, die man auf der Straße ansprechen müsse, damit sie nicht auf die schiefe Bahn geraten, erzählt Georgios Pertsemidis, heutiger Mitarbeiter des AWO Streetwork-Jugendkontaktladens. „Ziel unserer Arbeit ist es, ihnen Hilfe bei der Lebensweltorientierung zu geben.“ Bei der aufsuchenden Jugendarbeit bzw. Streetwork versuche man, Hilfe zur Selbsthilfe vor Ort im Stadtteil und im direkten Bezug zur alltäglichen Lebenswelt der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu bieten. Der AWO Jugendkontaktladen ist ein kombinierter Arbeitsansatz aus aufsuchender Jugendarbeit, Gruppenarbeit sowie Einzelfallhilfe.

Die Probleme der Jugendlichen seien dieselben wie vor 25 Jahren: Probleme in der Schule, im Elternhaus, mangelnde Konfliktfähigkeit, Aggressivität, Drogen oder kulturell bedingte Konflikte. Allerdings sei die Frustration bei den Jugendlichen höher als früher, weil der Konkurrenzdruck in allen Lebensbereichen zugenommen habe und es zu wenig gute Ausbildungsplätze für sie gebe. „Jugendliche mit Problemen haben meist ein geringes Selbstwertgefühl – es gilt, dieses Selbstwertgefühl zu stärken, damit sie Respekt vor sich selbst und anderen haben“, erklärt Azad Sur, der Diplom-Psychologe ist und von montags bis freitags zwischen 12 und 15 Uhr neben der direkten Arbeit auf der Straße psychosoziale Beratung anbietet. Ab 14 Uhr beginnt der „normale“ Jugendtreffbetrieb, der bis 18.30 Uhr geht. Im Schnitt werden 15 Jugendliche oder junge Erwachsene täglich im Kontaktladen betreut. Die beiden AWO Mitarbeitenden versuchen zunächst, eine Beziehung zu den Jugendlichen aufzubauen. „Die meisten Jugendlichen, mit denen wir zu tun haben, haben überschüssige Energie. Unsere Aufgabe ist es, diese Energie in etwas für sie Positives umzuwandeln“, sagt Sur. Dazu gehören Angebote aus dem Bereich Sport, aber auch Projekte wie das gemeinsame Drehen eines Films. „Wir verfügen hier über die Ausstattung dafür – seit kurzem haben wir einen Green Screen“, erklärt Pertsemidis. Den Bereich Medien sieht er mittlerweile als einen weiteren inhaltlichen Schwerpunkt des Jugendkontaktladens.

Sur arbeitet bereits seit 2004 in der Einrichtung. Er hat mittlerweile viele Jugendliche begleitet. Alte Fotos zeigen, wie er mit Jugendlichen Hip Hop-Tänze einstudiert oder einen Auftritt im Jugendzentrum, wo sie eine selbst produzierte CD vorstellten. „Wir müssen die Jugendlichen auffangen, sie brauchen Erfolgserlebnisse“, sagt Sur. Für ihn ist die Arbeit mit Jugendlichen eine Herzensangelegenheit. „Wenn es uns nicht geben würde, hätten viele dieser Jugendlichen keine Ansprechpartner. Sie hätten niemanden“, sagt er nachdenklich.

Die beiden AWO Mitarbeiter Georgios Pertsemidis und Azad Sur vor dem AWO Streetwork/ Jugendkontaktladen in der Wartburgstraße.

Früher war der AWO Jugendkontaktladen in einer Hochgarage in den Holzwiesen untergebracht, 2011 erfolgte der Umzug in die Wartburgstraße. Dieses Bild zeigt Jugendliche bei einem Graffiti-Projekt im Jahr 2005.

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