Marija und Vladyslav S. sind aus Kramatorsk, im Osten der Ukraine, geflüchtet. Sie freuen sich über die Hilfsbereitschaft der Menschen in Deutschland.

„Ohne Krieg und Angst“

Eine neue Zukunft aufbauen: AWO unterstützt geflüchtete Menschen beim Ankommen

Region Hannover/ Sehnde. „Das Gedröhne von Einschlägen und Explosionen ist in meinem Ohr.“ Diese Geräusche werde er nicht mehr los, sagt Vladyslav S.* und macht mit seiner Stimme das schrille Heulen und Pfeifen herabfallender Bomben nach. Der 78Jährige lebt gemeinsam mit seiner Frau in einer Flüchtlingsunterkunft der Stadt Sehnde, die von der AWO Region Hannover betrieben wird. Beide sind im April vergangenen Jahres aus Kramatorsk, eine Stadt im Osten der Ukraine, über Polen nach Deutschland geflohen. „Wir haben es nicht mehr ausgehalten“, berichtet die 58-Jährige Marija S. Die Bomben seien in der Nähe von ihrem Wohnhaus eingeschlagen. „Diese Geräusche waren furchtbar, wir haben sie permanent gehört und uns im Keller versteckt.“ Hier in Deutschland fühlen sie sich sicher. Sie erhalten viel Unterstützung von den Menschen vor Ort und sind zur Ruhe gekommen. Sie gehen spazieren, gucken Fernsehen und können auch ein bisschen entspannen, wie Marija erzählt. Die Rentnerin wartet auf ihre bevorstehende Knieoperation. Einmal ist sie schon verschoben worden. Zurück in die Ukraine möchten sie beide nicht mehr. Vieles ist zerstört – Gebäude, Kindergärten, Städte, Wasser- und Stromleitungen. „Es gibt dort keinen Ort mehr, an dem wir leben möchten“, sagt Marija S. Hier sei alles so sauber und ordentlich. Das gefalle ihr sehr. Vladyslav S. freut sich besonders über die Hilfsbereitschaft der Menschen. Damit habe er nicht gerechnet. Alle Menschen sollten überall in der Welt in Frieden leben können, wünschen sich beide: „Ohne Krieg und Angst.“

Mit Marija und Vladyslav S. leben zurzeit 88 geflüchtete Kinder und Erwachsene in der Unterkunft in Sehnde. Die meisten kommen aus der Ukraine, einige aus Ruanda und Armenien. Drei Sozialarbeiter*innen, eine Sozialassistentin und mehrere Honorarkräfte unterstützen die Bewohnerinnen und Bewohner beim Ankommen und kümmern sich um alle für sie relevante Themen. „Ziel unserer Arbeit ist es, Zugänge zu gesellschaftlicher Teilhabe für alle Menschen zu schaffen. Sie sollen die Möglichkeit bekommen, hier eine neue Lebensperspektive zu entwickeln“, betont Sozialarbeiterin Merle Abel.

„Nach ihrer Ankunft lassen wir die Menschen erst einmal einen Tag zur Ruhe kommen – damit sie durchatmen können“, sagt die AWO Mitarbeiterin. Viele seien wochenlang unterwegs gewesen und fühlten sich erschöpft und müde. Danach gebe es eine Menge an Anträgen und Behördengängen zu erledigen. „Sie müssen sich am Wohnort melden und abklären, welche finanziellen Hilfen ihnen zustehen, ob beispielsweise Ansprüche auf Leistungen der Grundsicherung für Arbeitssuchende nach dem Sozialgesetzbuch II bestehen oder die finanzielle Unterstützung durch das Sozialamt“, erklärt Abel. Zudem seien viele Menschen auch von mehrfachen Problemlagen betroffen. „Bei Asylbewerber*innen mit Behinderungen und schweren Erkrankungen stellt sich die Frage, welche Rehabilitations- und Unterstützungsmaßnahmen sie wahrnehmen können und von welchen sie durch aufenthaltsrechtliche Bestimmungen ausgeschlossen werden oder nur erschwert Zugang finden.“  Neben den Anmeldungen bei der Ausländerbehörde und anderen Behörden sollen die Bewohner*innen möglichst schnell Bildungsangebote besuchen können – wie zum Beispiel Sprachkurse, sagt Abel. Ganz wichtig sei auch, dass die Kinder zeitnah in den Kindergarten oder in die Schule gehen können.

Abel und ihre Kolleg*innen stehen den Bewohner*innen als Ansprechpartner*innen vor Ort zur Verfügung und unterstützen sie dabei, all diese Aufgaben selbstständig zu erledigen und ihren Tagesablauf selbst zu strukturieren. Dazu gehören auch Beratung und Vermittlung im Bereich Ausbildung und Beruf, Unterstützung bei der Wohnungssuche oder in akuten Krisensituationen. „Darüber hinaus integrieren wir sie in bestehende Freizeit- und Bildungsangebote sowie Sportvereine vor Ort. Damit die Menschen sich hier in Deutschland ihr eigenes Leben aufbauen können“, wie die Sozialarbeiterin betont. Auch Angebote in der Unterkunft, zum Beispiel Konversationskurse auf Deutsch, ein Ordnerprojekt, bei dem Papiere und Formulare geordnet werden oder der Lebenslaufkurs, sollen dazu beitragen, ihnen das Ankommen zu erleichtern und Lebensperspektiven zu öffnen.

„Wir wollen arbeiten, eine Wohnung in Hannover suchen und uns hier eine neue Zukunft aufbauen“, sagt Viktorija B. Die 38-Jährige lebt gemeinsam mit ihrem Mann Artem, den beiden Kindern, Eltern und Schwiegereltern seit Mai in der Unterkunft. Die Familie kommt aus Mariupol im Osten der Ukraine. Ihr Haus würde noch stehen, aber alles drum herum sei zerstört, erzählt Viktorija S. „Wir sind zu Fuß aus der Stadt an die Grenze nach Russland geflüchtet, wurden dort von der russischen Armee zu einem Lager gebracht, sind dann weiter mit dem Bus nach Georgien gefahren und später mit dem Flugzeug nach Deutschland gekommen.“ Aber alle seien zusammengeblieben. Viktorija S. und ihr Mann besuchen zurzeit einen Integrationskurs. Beide sind dabei, die deutsche Sprache zu lernen und ihre Diplome als Informatiker anerkennen zu lassen. Der Krieg in der Ukraine werde sehr lange dauern und auch danach würden die Waffen zwischen den Menschen stehen, fürchtet Viktorija S. Eine Rückkehr komme deshalb nicht in Frage. Für sie sei es erleichternd, dass ihre Kinder sich wohlfühlen. Die siebenjährige Tochter geht gerne in die Schule, am liebsten in die Betreuung, wo alle gemeinsam spielen. Und der fünfjährige Sohn würde am liebsten auch am Wochenende in den Kindergarten gehen, freut sich Viktorija S.: „Sie haben viele soziale Kontakte und leben gerne hier.“

Auch Sofija und Maksym D. aus Mariupol wollen in Deutschland bleiben. Der Elektrikermeister und die Buchhalterin nehmen gerade an einem Integrationskurs teil. „Wir lernen jeden Tag bis 14 Uhr Deutsch, danach essen wir Mittag und anschließend machen wir Hausgaben“, erzählt Sofija D. Die deutsche Sprache sei sehr schwierig, Beide freuen sich sehr über die Unterstützung vor Ort. Ihr Wunsch ist es, zu arbeiten und eine eigene Wohnung zu finden. Genauso wie Ana M., die aus Charkow im Osten der Ukraine geflüchtet ist. Die 39-jährige Bankkauffrau lernt Deutsch und würde gerne eine Ausbildung zur Pflegefachkraft machen.

Tat’jana V. möchte nach dem Krieg wieder zurück in ihre Heimat. Die 56jährige Rentnerin ist mit ihrem Mann, der im Rollstuhl sitzt, aus Mariupol geflohen – mit dem Bus über die Grenze nach Russland, dann nach Lettland über Polen nach Deutschland. Die Tage verbringt Tat’jana V. mit Nähen, Spaziergängen und Puzzeln. Sie sei froh und dankbar darüber, vorübergehend hier leben zu dürfen.

„Alle Bewohnerinnen und Bewohner haben ihre eigene Geschichte“, sagt Abel. Sie können in der Unterkunft so lange wohnen, bis sie eine Wohnung finden oder wieder in ihre Heimat zurückkehren. „In dieser Zeit ist es unsere Aufgabe als Sozialarbeiter*innen, die Menschen im Integrationsprozess zu unterstützen. Wir arbeiten dabei nach dem Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“: Die Bewohner*innen sollen über Perspektiven und Möglichkeiten aufgeklärt werden, um selbst Fuß fassen zu können.“

*Die Namen der Geflüchteten sind von der Redaktion geändert.

Text & Fotos: Gaby Kujawa/AWO

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