Rund 30 Seniorinnen und Senioren treffen sich zum Interkulturellen Mittagstisch in der AWO Begegnungsstätte in der Nordstadt. AWO Mitarbeiterin Fatma Taspunar (rechts im Bild) koordiniert und organisiert das Angebot.

„Essen wie im Restaurant“

Beim Interkulturellen Mittagstisch der AWO Seniorenarbeit kommen Menschen aus verschiedenen Kulturen und Nationen zusammen

Hannover/Nordstadt. „Hühnchen mit Gemüse und Bulgur“, sagt Fatma Taspunar. Das Telefon wird heute Vormittag noch einige Male klingen – und Taspunar jedes Mal geduldig die gleiche Antwort geben. „Unsere Gäste wollen wissen, was es zu essen gibt und freuen sich schon auf die bevorstehende gemeinsame Mahlzeit“, erklärt die Mitarbeiterin der Interkulturellen Begegnungsstätte der AWO Region Hannover.

Freitagmittag um 12.30 Uhr im Horst-Fitjer-Weg: Rund 30 Seniorinnen und Senioren treffen sich zum Interkulturellen Mittagstisch in der AWO Begegnungsstätte in der Nordstadt. Für sie stehen gedeckte und mit frischen Blumen dekorierte Tische bereit. Manche setzen sich sofort an einen Platz, andere schauen erst nach bekannten Gesichtern und wieder andere setzen sich gleich als Gruppe zusammen. Stimmengewirr und Lachen klingen durch den Raum – spürbar die Vorfreude auf das gemeinsame Essen. Dann tragen die Köchinnen und der Koch die Gerichte an die Tische.

Hülya Güven, 64 Jahre, Suzana Peckmann, 46 Jahre, Zarah Khoshbakht, 66 Jahre, Monavar Pour Housseinikhavani genannt „Farideh“, 67 Jahre und René March, 39 Jahre, – sie alle gehören zur Interkulturellen Kochgruppe und sind für die Zubereitung der Speisen zuständig. Sie kommen aus der Türkei, aus Kroatien, aus dem Iran und aus Deutschland und sind schon seit Jahren ehrenamtlich in der Interkulturellen Begegnungsstätte aktiv. Auch eine Bundesfreiwilligendienstleistende unterstützt regelmäßig das Team. Jeden Freitag treffen sie sich um 9:30 Uhr zur gemeinsamen Besprechung in der Begegnungsstätte. Anschließend beginnen sie mit der Vorbereitung des Mittagessens – Gemüse waschen, schneiden, Tische decken und dekorieren. „Um 12.30 Uhr muss alles fertig sein – dann steht das Essen auf dem Tisch“, sagt Taspunar, die das Angebot organisiert und koordiniert.

Der Interkulturelle Mittagstisch wurde im Jahr 2013 von der AWO Seniorenarbeit als Reaktion auf die zunehmende Altersarmut und ihre sozialen und gesundheitlichen Folgen initiiert. Zuerst als Projekt für zwei Jahre angelegt, gehört der Mittagstisch mittlerweile zum festen Angebot der Interkulturellen Begegnungsstätte. „In den Beratungsgesprächen wurde damals deutlich, dass viele Ratsuchende sehr geringe Renten beziehen und aufstockend auf Grundsicherungsleistungen angewiesen sind“, erklärt Taspunar. „Ich habe keine Lust, für mich alleine zu kochen“, sagt eine Besucherin des Interkulturellen Mittagstisches. Und eine andere berichtet: „Mir fehlt das Geld, um gesunde Lebensmittel zu kaufen.“

Am Mittagstisch nehmen Seniorinnen und Senioren aus verschiedenen Nationen und Kulturen teil – aus Deutschland, der Türkei oder aus Kroatien, Bosnien, Bulgarien und anderen Ländern. Fast alle sind Rentner oder Rentnerinnen. Sie kommen nicht nur aus der Nordstadt, sondern auch aus anderen Stadtteilen wie Sahlkamp oder Bemerode. Der Unkostenbeitrag beträgt einen Euro pro Person. „Die Teilnehmenden erleben hier bei einer gesunden und reichhaltigen Mahlzeit Geselligkeit und soziale Teilhabe“, so Taspunar.

„Ich finde es schön, dass sich hier Menschen aus so vielen Ländern treffen.“ Koch René March reizt es insbesondere, sie miteinander in Kontakt zu bringen. Auch Köchin Hülya Güven macht es Spaß für Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zu kochen. „Es ist alles frisch hier – es gibt keine Dosengerichte“, betont sie dabei. „Sie freuen sich auf den gemeinsamen Mittagstisch und das frische Essen. Wir sind freundlich und fröhlich, deshalb kommen sie gerne wieder.“

„Die Menschen setzen sich bei uns an den schön gedeckten Tisch“, erklärt Taspunar. Es sei wie in einem Restaurant, sie würden am Tisch bedient und müssten nicht anstehen. Viele von ihnen verabredeten sich zum gemeinsamen Essen, wie beispielsweise die sechs Frauen aus der Seniorenwohnanlage An der Strangriede hier im Stadtteil, so Taspunar. Die meisten der Besucherinnen und Besucher seien Stammgäste und meldeten sich sogar ab, wenn sie nicht kommen können.

„Essen verbindet die Menschen“, sagt Taspunar. Die Interkulturelle Begegnungsstätte ist eine Anlaufstelle für Senioren aus mehr als zehn Ländern mit beispielsweise deutschen, türkischen kroatischen oder serbischen Gruppen- und Beratungsangeboten. Mit dem Interkulturellen Mittagstisch sollte ein Angebot initiiert werden, bei dem alle zusammen kommen, egal, in welcher Gruppe sie sich sonst befinden. „Und das ist uns gelungen.

Taspunars Traum ist es, ein Zentrum aufzubauen, in dem jeden Tag ein Mittagstisch für ältere Menschen angeboten wird. Der Bedarf sei auf jeden Fall da. Das zeige die Anzahl der Teilnehmenden. „Dazu benötigen wir aber neue Räumlichkeiten mit separaten Gruppenräumen und einer Cafeteria.“

Die Bürgerstiftung Hannover fördert mit Mitteln aus dem Helmut und Berti Hohlweg Stifterfonds den Interkulturellen Mittagstisch. Die Begegnungsstätte selbst wird durch die Stadt Hannover und durch Eigenmittel der AWO finanziert.

Zum Hintergrund
Im Jahr 1994 richtete die AWO einen eigenständigen Bereich für Senioren mit Migrationshintergrund ein. Sechs Jahre später eröffnete in Hannover die erste und bisher einzige „Interkulturelle Begegnungsstätte für Senioren“ im Horst-Fitjer-Weg. Hier haben Senioren aus mehr als zehn Ländern eine Anlaufstelle, wo sie sich treffen und Informationen zu verschiedenen Themen erhalten können. An zwei Vormittagen pro Woche gibt es ein Beratungsangebot in türkischer, bosnischer, kroatischer, serbischer und deutscher Sprache.
Die Interkulturelle Begegnungs- und Beratungsstätte dient seit ihrer Entstehung bundes- und europaweit als Beispiel für Einrichtungen im Bereich ‚Alter und Migration“

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