AWO Kitaleiter Carsten Lücke vor der Niedersächsischen Staatskanzlei.

„Nur ein 1/2 Herz für Kitas?“

Der Protest gegen das geplante Kitagesetz hält an: AWO Kitaleiter hält Mahnwache vor der Staatskanzlei

Region Hannover/ Hannover. Der Protest gegen das geplante Kitagesetz in Niedersachsen geht weiter. Unter dem Motto „Nur ein 1/2 Herz für Kitas?“ hielt Carsten Lücke, Leiter der AWO Kita Hiltrud-Grote-Weg, heute Mahnwache vor der Niedersächsischen Staatskanzlei. „Wir fordern eine ‚echte‘ dritte Fachkraft pro Kita-Gruppe“, sagt Lücke. Nach den derzeitigen Plänen der Landesregierung, die einen Stufenplan vorsehen, soll eine ausgebildete dritte Kraft erst im Jahr 2027 eingeführt werden – und auch nur mit einer halben Stelle. Vorher sollen Auszubildende unterstützen. Die Argumentation: Es gebe ohnehin keine Fachkräfte, sie müssten erstmal ausgebildet werden. „Das ist ein Totschlagargument – das Land Niedersachsen hätte längst eine Ausbildungsoffensive starten und die Rahmenbedingungen verbessern können“, sagt Lücke und betont: „Die Landesregierung muss hier nachbessern.“

Neben einer attraktiveren Bezahlung sei dies eben die Verbesserung des Fachkraft-Kind-Schlüssels. Lücke verweist darauf, dass der Erzieherberuf seit Jahren in der Burn-Out-Statistik weit oben steht – und auch der Krankheitsstand sei hoch. „Der persönliche Anspruch an den Job und auch der vorgegebene Bildungsauftrag treffen auf Rahmenbedingungen, die viele krank machen – da muss man doch was dran ändern“, so Lücke.

Auch die Aufgaben für die Erziehenden seien in den vergangenen Jahren immer mehr geworden: alltagsintegrierte Sprachförderung, Beobachtung des Kindes mit Reflexion und Dokumentation, Elterngespräche und die Kooperation mit der örtlichen Grundschule, nennt Lücke als Beispiele und betont: „Kitas sind Bildungseinrichtungen und keine Aufbewahrungsorte.“ Die frühkindliche Bildung sei enorm wichtig für die Kinder und der Grundstein für ihren weiteren schulischen und beruflichen Werdegang. „In Niedersachsen werden 25 Kinder von zwei pädagogischen Fachkräften betreut – das ist einfach zu wenig.“ Deshalb sei es auch nicht hinnehmbar, dass der Stufenplan vorsieht, ab 2023 Auszubildende zur Unterstützung einzustellen und es weitere vier Jahre dabei zu belassen.  Das bringe pädagogisch nichts und sei auch keine Entlastung für die Fachkräfte – im Gegenteil: „Schließlich müssen wir uns zusätzlich um sie kümmern – in einer Ausbildung soll man schließlich ausgebildet werden. Für die Begleitung von Auszubildenden müssten wir zusätzliche Stunden bekommen“, so Lücke.

Auch Ingrid Kröger, Leiterin des AWO Fachbereichs Tageseinrichtungen für Kinder, sieht das geplante Kitagesetz kritisch. „Seit mehr als zehn Jahren fordern wir die dritte Vollzeitkraft in den Kita-Gruppen – vergeblich.“ Außerdem sei es unverständlich, warum es die dritte Kraft nur in Gruppen mit mindestens 19 Kindern geben soll. Hier wolle man anscheinend bewusst die Integrationsgruppen ausschließend, da sie 18 Plätze haben. Um Kindern die gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen und das Recht auf Inklusion zu verwirklichen, müsse der Rechtsanspruch auf einen integrativen Kitaplatz in das Kitagesetz aufgenommen werden – in Gruppen mit drei und nicht zwei pädagogischen Fachkräften, fordert Kröger. In Deutschland belege Niedersachsen einen unrühmlichen Spitzenplatz: sei das Bundesland, das am häufigsten in Deutschland Kinder mit Behinderung separiert: Laut einer Statistik der Bertelsmann-Stiftung besuche 42 Prozent der Kinder mit Eingliederungshilfe eine sogenannte heilpädagogische „Sonder“-Einrichtung. Der Bundesdurchschnitt liegt lediglich bei 6,5 Prozent. „Wenn wir Integration ernst meinen, müssen wir dafür auch Fachkräfte in den Kitas einstellen.“

Text & Foto: Christian Degener/AWO

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