Misshandlungen zusehen zu müssen, ist ebenfalls traumatisierend.

„Kinder erleben Todesangst“

AWO ImPuls - Fokus Gewalt: Pädagogin aus dem AWO Frauenhaus beschreibt die Auswirkungen auf Kinder

Region Hannover/Hannover. Lisa Schröder (*Name von der Redaktion geändert), 38, arbeitet seit fünf Jahren als Pädagogin im Frauenhaus der AWO. Die Einrichtung hat Plätze für 12 Frauen und 15 Kinder, die alle durchgehend belegt sind. Lisa Schröder begleitet die schutzsuchenden Frauen und Kinder bei der Verarbeitung ihrer Gewalterfahrungen und hilft ihnen, neue Perspektiven zu entwickeln. Hier berichtet sie von ihrer Arbeit: „Was sind das nur für Männer, die ihre Frauen schlagen?“ Diese Frage bekomme ich regelmäßig gestellt, wenn ich erzähle, wo ich arbeite. „Oh Gott, im Frauenhaus?“, heißt es. „Da siehst du die Abgründe unserer Gesellschaft.“ Tatsächlich ist das, was ich bei meiner Arbeit erfahre, oft schrecklich. Aber es ist ein fataler Irrtum zu glauben, dass Gewalt gegenüber Frauen nur Randgruppen oder Ausnahmefälle betrifft.

Sie ist Teil unserer Gesellschaft. Die gängige Annahme, dass so etwas nur in bildungsfernen Schichten oder bei Ausländern vorkommt, ist schlicht und ergreifend falsch. Deutsche Akademiker misshandeln ihre Frauen ganz genauso, dazu gibt es genügend Untersuchungen. Eine aktuelle Statistik von Statista zeigt, dass jedes Jahr etwa 17.000 Frauen Schutz im Frauenhaus suchen, mitbetroffen von ihren Gewalterfah- rungen sind mindestens genauso viele Kinder. Während Corona hat sich die Situation noch zugespitzt: Drei von hundert Frauen in Deutschland wurden während der Ausgangsbeschränkungen Opfer physischer häuslicher Gewalt, bei 4,6 Prozent kontrollierte der Partner Kontakte nach außen. Das belegt eine repräsentative Erhebung durch die Technische Universität München und das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Dass mehr als die Hälfte von Frauenhaus-Bewohnerinnen nicht in Deutschland geboren ist, liegt vor allem daran, dass diese Frauen den Schutz solcher Einrichtungen stärker brauchen. Sie verfügen nicht über die gleichen sozialen Netzwerke und alternative Ausweichmöglichkeiten. Viele dieser Frauen stammen aus Kulturkreisen, in denen eine Trennung vom Partner auch die Trennung von der Familie bedeutet.

Verlässt die Frau den gewalttätigen Partner, verliert sie meist auch ihre ganze Familie. Im Übrigen werden sie oft auch noch auf dem Wohnungsmarkt diskriminiert und können sich nicht einfach so einen anderen Wohnraum organisieren. Auch dabei helfen wir, wenn die Frauen wieder soweit sind, allein leben zu wollen. Im Moment bieten wir im Frauenhaus der AWO 12 Plätze für schutzsuchende Frauen und 15 Kinder an. Sie können solange bei uns bleiben, wie sie wollen. Es gibt da keine zeitliche Begrenzung.

Kinder erleben Todesangst, wenn ihren Müttern Gewalt angetan wird

Wenn die Frauen zu uns kommen, geht es zunächst einmal darum, ihnen das Gefühl zu geben, an einem sicheren Ort zu sein. Die Frauen sind anfangs wahnsinnig angstbesetzt, oft auch sehr durcheinander. 80 Prozent der Frauen bringen Kinder mit. Sie haben miterlebt, wie ihren Müttern Gewalt angetan wurde. Gerade kleine Kinder erleben dabei Todesangst oder fürchten um das Leben derMutter. Angst und große Hilflosigkeit fühlen aber auch die älteren. Dem Schritt, in ein Frauenhaus zu gehen, ist meistens ein Martyrium vorausgegangen. Keine kommt zu uns, weil der Partner sie ein Mal geohrfeigt hat – wobei ich das nie verharmlosen würde. So beginnt meistens eine Gewaltspirale. Alle Frauen sind wiederholt physisch, psychisch und sexuell misshandelt worden. Einige der Frauen, die zu uns kommen, sind grün und blau geschlagen. Einige haben überhaupt kein Selbstwertgefühl mehr, weil sie immer wieder erniedrigt worden sind: Sie durften keine anderen sozialen Kontakte außer ihrem gewalttätigen Partner haben. Manche wurden sogar eingesperrt.

Bei einigen begann das Abhängigkeitsverhältnisals schleichender Prozess. Es fing an mit der Eifersucht des Partners und mit Zugeständnissen an ihn. Die Freunde zogen sich über Jahre hinweg immer weiter zurück und irgendwann merkten diese Frauen, dass sie ziemlich allein sind und ständig kleingehalten wurden. Ich hatte schon Frauen bei mir sitzen, die wie verrückt geweint haben, weil sie U-Bahn fahren mussten und sie das überfordert hat. Sie wussten gar nicht mehr, wie das geht. Ich habe Frauen beraten, die nicht wussten, wie man im Supermarkt einkauft und dass man einen Chip in den Einkaufswagen stecken muss. Ich habe hier auch Frauen, die von uns das erste Mal in ihrem Leben eigenes Geld bekommen, mit dem sie für sich und ihre Kinder einkaufen gehen können. Manche Frauen kennen die Schule ihrer Kinder nicht, weil sie auch dort nicht hingehen durften. Man kann sich also vorstellen, was für einen Riesenschritt es bedeutet, wenn diese Frauen sich zu uns trauen. Manchmal waren sie wirklich höchster Gefahr ausgesetzt und haben um Leib und Leben für sich und die Kinder gefürchtet. Ein anderer Beweggrund ist, dass eine Frau zum Beispiel Schwestern hat, deren Heirat auch arrangiert wurde. Aber die Schwestern haben einen Mann abbekommen, bei dem es keine Schläge gibt. Dadurch wird das erlebte Leid dann als Unrecht empfunden.

Misshandlungen zusehen zu müssen, ist ebenfalls traumatisierend

Einige der Frauen merken auch, dass sie eigentlich kaum Zeit haben sich um ihre Kinder zu kümmern. Die sind so damit beschäftigt, sich schützen zu müssen, dass sie keine Erziehungsarbeit leisten können Viele Menschen nehmen an, dass es für die Kinder nicht so schlimm sei, wenn sie nicht selbst geschlagen wurden. Das ist aber falsch! Misshandlungen zu sehen und miterleben zu müssen, ist genauso traumatisierend. Das Alter der Kinder ist dabei unerheblich. Es ist nicht so, dass Babys und kleine Kinder einfach nichts mitbekommen! Kleine Kinder sind nicht in der Lage, das Erlebte rational zu erfassen, sondern sie spüren nur die Stimmung, die Aggression, die Wut und die Angst, oder auch die Verzweiflung, die Hilflosigkeit und die Trauer. Das führt bei ihnen zu großer Verunsicherung. Und umso kleiner sie sind, desto mehr nehmen sie die Bedrohung gegenüber der Mutter auch als Bedrohung gegenüber sich selbst wahr, weil sie sich noch als Einheit sehen. Dazu kommt: Wenn die Mutter in der Nacht geschlagen wird, ist die am nächsten Morgen nicht fit. Sie hat wahrscheinlich immer noch Angst: „Könnte es jetzt noch mal passieren?“

Dieser Punkt betrifft oft die größeren Kinder. Je älter sie sind, desto stärker integrieren sie bestimmte Verhaltens- weisen in ihre Persönlichkeit. Sie übernehmen beispielsweise Aufgaben der Mutter und beschützen ihre jüngeren Geschwister. Der Stress und die Angst, die sie ständig fühlen, wirkt sich auf die Gehirnentwicklung und die Konzentration aus. Das hat natürlich Konsequenzen in der Schule. Ein Gehirn, das permanent im Stress- und Flucht-Modus ist, kann nichts anderes lernen.

Ein Geruch, ein Geräusch oder eine Bewegung kann eine Retraumatisierung auslösen

Die Kinder geraten oft auch in einen Loyalitätskonflikt, was ihre Haltung zu den Eltern betrifft. Sie haben große Probleme, Recht und Unrecht einzuschätzen. Es ist für ein Kind schwierig, den Vater ins Unrecht zu setzen wegen dem, was er tut. Er ist für das Kind auch eine wichtige, vielleicht auch geliebte Figur. Es ist auch schwierig, eine Mutter nicht nur zu bemitleiden, die sich immer wieder der Gewalt des Vaters unterwirft. Das Elternbild gerät da sehr stark ins Schwanken. Mädchen reagieren darauf nicht selten mit depressiven Verstimmungen, Essstörungen, manchmal auch mit einem Selbstverletzungsverhalten. Jungen haben eher eine erhöhte Aggressivität und Distanzlosigkeit.

Wenn Kinder traumatisiert sind, merkt man ihnen das übrigens nicht sofort an. Sie benehmen sich nicht immer auffällig. Aber es gibt dann manchmal Dinge, die ganz unerwartet eine Retraumatisierung auslösen: Ein Geruch, ein Geräusch oder eine Bewegung kann eine heftige Reaktion hervorrufen. Manchmal bricht es dann ganz unerwartet aus einem Kind heraus und es weint plötzlich, weil es ein bestimmtes Essen gibt. Nähe ist deshalb immer ein wichtiger Teil meiner pädagogischen Arbeit. Nach den Gewalt-Erfahrungen brauchen die Kinder Ruhe und eine emotionale Stütze. Sie brauchen auch Regeln, denn die geben ein Gefühl von Sicherheit und Orientierung.

Wenn ich mit Kindern im Spielzimmer bin, erfahre ich oft als Erste, was sich Zuhause eigentlich abgespielt hat. Kleine Kinder verarbeiten das manchmal im Spiel mit Puppen. Sie empfinden Situationen nach, die sie erlebt haben. In einer Einkaufssituation gibt die eine Puppe der anderen dann plötzlich eine Ohrfeige und beschimpft sie. Manche Kinder erzählen dann auch davon, wie das SEK sie aus der Wohnung geholt hat und die Mutter geblutet hat. Manchmal redet ein Geschwisterkind, das andere hält sich aber in der Zeit die Ohren zu, weil es noch nicht so weit ist. Das ist voll- kommen in Ordnung. Es gibt keinen Zwang, keinen festgelegten Plan. Ich mache Angebote. Den Kindern zeige ich unterschiedliche Spiele, ich erkunde mit ihnen Freizeitmöglichkei- ten in Hannover. Ihre Mütter haben das oft nicht getan. Bei den älteren Kindern und Teenagern geht es auch darum, über Bedürfnisse zu reden. Was sind meine Wünsche? Kann ich die verbalisieren? Wie kann ich sie ohne Gewalt durchsetzen? Wie kann ich „Nein“ sagen? Die Statistiken zeigen, dass diese Mädchen später leider eine höhere Gefahr haben, zum Opfer zu werden. Die Jungs wer- den eher zum Täter. Beide imitieren ungewollt die Rolle, die ihnen vorgelebt wurde. Meine Aufgabe ist es also auch, ihnen Alternativen und andere Geschlechterrollen zu zeigen.

Man hat auch im dritten Anlauf eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben

Mit den Frauen arbeite ich an ihrem Selbstwert und ihrer Rolle. Sie müssen sich verändern – für sich selbst und ihre Kinder. Die Frauen und ihre Kinder haben bei uns ein eigenes Zimmer. Die Küche und das Wohnzimmer werden gemeinsam genutzt. Die Frauen versorgen sich selbst. Für Einkaufen, Essen und Abwasch sind sie selbst verantwortlich. Mit eini- gen Frauen erarbeite ich erstmal eine Tagesstruktur. Warum ist es wichtig, den Kindern Frühstück zu machen? Warum sollen sie auf die Hausaufga- ben achten? Ich gehe mit den Frauen auch auf Spielplätze oder in den Zoo, ich zeige ihnen Freizeitbeschäftigungen. Die Frauen müssen lernen, ihre Mutterrolle wahrzunehmen, Regeln zu vermitteln und Anreize zu setzen.

Manche von ihnen gehen irgendwann wieder zu ihrem Partner zurück, machen einen neuen Anlauf. Aber die Gewalt endet nur, wenn der Mann einsichtig ist und sich in eine Therapie begibt. Viele Frauen kommen also ein zweites oder drittes Mal zurück ins Frauenhaus. Bedrückt mich das? Man hat auch dann noch eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben. Ich versuche den Frauen in der Zeit, in der sie hier sind, etwas mitzugeben. Ich helfe ihnen, mit ihrer Vergangenheit umzugehen. Ich eröffne andere Perspektiven: Ich zeige ihnen eine andere Welt, die ihnen offensteht. Und einige gehen dann diesen Weg.

Text: Julia Meyer-Hermann, Fotos: Christian Degener/AWO

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