“Je länger sie dauert, desto höher werden die Hürden für den Wiedereinstieg”

Schwerpunkt Schulvermeidung: Interview mit Dr. Burkhard Neuhaus, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kinderkrankenhaus AUF DER BULT

Im Fokus der aktuellen Ausgabe unseres Magazins AWO ImPuls steht das Thema Schulvermeidung. Wir haben mit Dr. Burkhard Neuhaus, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kinderkrankenhaus AUF DER BULT in Hannover, gesprochen. Er ist ein Initiator des neuen Bündnisses gegen Schulvermeidung Hannover.

Schulvermeidung – Schulschwän­zen, was ist der Unterschied?

Dr. Burkhard Neuhaus: Der Begriff Schwänzen unterstellt eher etwas Lustvolles. Das ist bei Schulvermeidung meist nicht der Fall. Schulvermeidung ist ein Symptom ganz unterschiedlicher Ursachen und für die Schülerin oder den Schüler nachteilig. Sie ist nicht die Folge einer körperlichen Erkrankung.

Wann beginnt Schulvermeidung?

Dr. Burkhard Neuhaus: Da gibt es keine verbindliche Definition. Bei 25 Prozent Fernbleiben vom Unterricht innerhalb von 14 Tagen sprechen wir von Schulvermeidung. Das kann sowohl stunden- als auch tageweise sein. Die Definition ist aber nicht so wesentlich: Grundsätzlich muss ohnehin eine Fachkraft schauen, was die Ursachen für häufiges Fernbleiben vom Unterricht sind.

Warum vermeiden Kinder und Jugendliche die Schule?
Dr. Burkhard Neuhaus: Die Ursachen sind sehr unterschiedlich. Das können Krankheiten sein wie Depressionen oder Angststörungen, soziale Phobien, aber auch schulischer Misserfolg, Erziehungsproblematiken oder kurzfristige Interaktionsproblematiken, wie zum Beispiel Bullying. Also, wenn ein Kind in der Schule ausgegrenzt wird oder Angst hat, verbal oder körperlich angegangen zu werden und sich dieser Situation nicht mehr aussetzt.

Auslöser können auch familiäre Situationen sein: Probleme zwischen den Eltern, Krankheit von Familienmitgliedern, bei denen das Kind Angst hat, die Eltern allein zuhause zu lassen, Trennung, Gewalt, Vernachlässigung oder soziale Unsicherheiten. Es kommt vor, dass schon junge Kinder alleine aufstehen sollen, die Eltern da kein Vorbild sind und Schule eine in der Familie geringe Wertigkeit hat – dann sehen Kinder manchmal auch keinen Sinn, zur Schule zu gehen.

Krank sein kann auch schön sein – das ist ein weiterer Aspekt. Das nennen wir einen sekundären Krankheitsgewinn. Das Kind erlebt: Wenn ich krank zuhause bin, hat Mama Zeit für mich, wir spielen, ich muss mich nicht anstrengen. Das, was Eltern intuitiv tun – es den Kindern in einer Krankheitsphase möglichst schön zu machen, kann dann auch dazu führen, dass Symptome wie Bauch- und Kopfschmerzen weiterhin bestehen bleiben. Nur selten ist das den Kindern bewusst, sie fühlen sich dann wirklich krank.

Schulvermeidung ist ja häufig auch ein schleichender Prozess?
Dr. Burkhard Neuhaus: Nicht selten haben Kinder erst eine körperliche Erkrankung, zum Beispiel Durchfall oder einen fieberhaften Infekt. Wenn es dann noch einen Grund gibt, der den Minderjährigen oft als Grund gar nicht bewusst ist – zum Beispiel Angst vor der Schulsituation, Angst vor Mitschülern, Angst vor Beschämung – sehen wir häufig, dass die Krankheitssymptome, zum Beispiel Bauchschmerzen, bleiben. In manchen Fällen ist der Zusammenhang erkennbar, wenn Bauchschmerzen nur morgens vor der Schule auftreten.

Wer vermeidet die Schule, gibt es da bestimmte Muster?
Dr. Burkhard Neuhaus: Das geht durch alle Bevölkerungsgruppen. Grundsätzlich kann man sagen, dass eine psychische Belastung die Wahrscheinlichkeit erhöht, Schule zu vermeiden. Eine deutliche Zunahme sehen wir durch die Covid-Pandemie, wo ja der Schulbesuch unterbrochen wurde, Homeschooling nur teilweise funktioniert hat und das soziale Training für eine Zeitlang fast ausgesetzt worden ist. Kinder und Jugendliche haben Entwicklungsfenster, in denen sie bestimmte Dinge üben müssen, das Erleben von Erfolgen und Freundschaft, aber auch das Aushalten und Überstehen von Misserfolgserfahrungen, von Frustration und Kränkung. Das ist ganz wichtig und hat während der Schulschließungen nur reduziert stattgefunden.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Schulvermeidung und Medienkonsum?
Dr. Burkhard Neuhaus: Wir als Gesellschaft haben noch keine tragfähige Umgangskultur mit den modernen Medien gefunden. Es fehlen Rituale und festgelegte Selbstverständlichkeiten. Was nicht verwunderlich ist, wenn man sich überlegt, wie schnell und wie intensiv die Technik vorangeschritten ist. Eine eindeutige Aussage zum Zusammenhang zwischen Schulvermeidung und Medienkonsum kann ich aber nicht machen. Meist füllen die Patienten die Zeit, die sie sonst mit Schule, Freunden oder Sport verbringen könnten, mit elektronischen Medien. Bei einigen Patienten tritt auch eine Mediensucht auf, die letztlich auch zur Schulvermeidung führt. Wir erleben auch Patienten mit Schulvermeidung nach erheblichen Kränkungen und Hilflosigkeit nach Cybermobbing. Wie sehr die Covid-Pandemie zur Zunahme von Schulvermeidung geführt hat, ist eher eine akademische Frage. Mein persönlicher Eindruck ist, dass insbesondere die Zunahme sozialer Ängste in Zusammenhang mit einer Zunahme von Schulvermeidung steht. Letztlich hatten wir aber schon vor der Pandemie viel zu viele Kinder, die teilweise monate- und jahrelang nicht zur Schule gegangen sind, ohne dass Hilfe erfolgte.

Was sollte sich ändern?
Dr. Burkhard Neuhaus: Schulvermeidung ist ein Symptom, das deutlich macht, dass wahrscheinlich Hilfe benötigt wird. Je länger die Schulvermeidung dauert, desto höher werden die Hürden für den Wiedereinstieg. Das Ver- meidungsverhalten wird so immer normaler, Ängste nehmen häufig zu. Die Tatsache, dass das Lernen und der Wissenserwerb in der Zeit in der Regel nicht erfolgt, das Kind also einen realen Rückstand hat, kann Ängste und Vermeidungsverhalten zusätzlich verstärken.

Müssen die Fachkräfte hier stärker zusammenarbeiten?
Dr. Burkhard Neuhaus: Ja, das ist ein großes Anliegen und der Grund, ein Bündnis gegen Schulvermeidung zu gründen, um die verschiedenen Bereiche zusammenzubringen. Ein Ziel ist natürlich, die Öffentlichkeit über das Thema und die Hilfsmöglichkeiten besser zu informieren. Das andere große Thema ist die Vernetzung: Schulvermeidung beschäftigt Lehrkräfte, Sozialarbeiter, Jugendämter, Kinderärzte, Kinder- und Jugendlichen-Psy-chotherapeuten, Kinder- und Jugendpsychiater, Kinder- und Jugendlichenkrankenhäuser und Fachstellen, auch Ordnungsämter und Polizei. Diese Fachleute haben unterschiedliche Aufgaben, der Umgang mit schulvermeidenden Minderjährigen ist nur eine Aufgabe von vielen. Ziel wäre eine bessere Vernetzung untereinander. Klar ist, dass ein Lehrer einen ganz anderen Arbeitsschwerpunkt als eine Beratungsstelle hat. Oder dass ein Haus- oder Kinderarzt sich erst ein- mal mit den körperlichen Ursachen von Bauchschmerzen befasst und es manchmal lange dauert, bis andere Ursachen in Betracht gezogen werden. Und so passen die Systeme häufig nicht zusammen. Ich glaube, dass kein Bereich ausreichend über die Arbeitsweisen und die Aufgaben der Anderen informiert ist. Hilfe kommt deshalb häufig zu spät oder gar nicht zustande. In der Klinik sehen wir die Kinder und Jugendlichen häufig sehr spät. Wir haben gerade wieder mehrere Jugendliche mit schweren psychischen Erkrankungen in der Klinik, die den Schulbesuch deutlich länger als ein Jahr vermieden haben. Diese Patienten hätten wir gern früher behandelt.

In welchem Alter tritt Schulvermeidung am häufigsten auf?
Dr. Burkhard Neuhaus: Das betrifft alle Altersgruppen. Schulvermeidung in der weiterführenden Schule ist häufiger, aber wir sehen das auch schon bei Grundschulkindern. Meist treten dann Bauchschmerzen auf. Leider gibt es sehr unterschiedliche Zahlen zur Schulvermeidung. Fakt ist aber, dass 2019 in der Region Hannover 5,9 Prozent der Schülerinnen und Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen haben. Das sind definitiv zu viele. Schon vor der Pandemie war das jeder zwanzigste Minderjährige. Und die Pandemie wird dazu führen, dass die Zahl steigt.

Welche Schritte sind bei Schulver­meidung nötig?
Dr. Burkhard Neuhaus: Am besten ist es, wenn die Eltern selbst Hilfe suchen oder Freunde und Bekannte diese auf die Hilfsmöglichkeiten hinweisen. Lehrer nehmen Fehlzeiten häufig als erste wahr. Sie sollten auf die Eltern und Schüler zugehen und erfragen, ob Hilfe benötigt wird. Günstig ist es, wenn ein Schulsozialarbeiter oder Schulpsychologe diese Aufgabe übernehmen kann. Manchmal haben auffällige Kinder auch psychisch kranke Eltern oder eingeschränkte Eltern, die sich selber nicht gut im Hilfesystem orientieren können. Da kann es hilfreich sein, das Jugendamt einzuschalten. Wichtig ist, nicht zu lange zu warten. Grundsätzlich sollte Eltern und Kindern empfohlen werden, Beratungsstellen, niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiater oder Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten zu kontaktieren. Das sollte innerhalb weniger Wochen geschehen. Auch die Jugendämter und die Kinder- und Jugendärzte kennen sich häufig gut im Hilfesystem aus und können Hilfe vermitteln. Nach zwei Monaten ambulanter Therapie sollte zumindest ein teilweiser Schulbesuch erreicht sein, sonst sollte überlegt werden, ob eine tagesklinische oder stationäre Therapie notwendig ist. Wenn noch keine Schulvermeidung vorliegt, ist zu empfehlen, das Kind bei Auftreten leichter Beschwerden zu ermutigen, zur Schule zu gehen. Natürlich nicht bei Fieber oder schweren Erkrankungen.

Welche Folgen hat Schulvermeidung?
Dr. Burkhard Neuhaus: Schulvermeidung führt häufig zu Lerndefiziten, schlechten Zeugnisnoten und kann zur Folge haben, die Schule mit einem geringeren oder ohne Abschluss zu verlassen. Der berufliche Erfolg steht in Frage. Soziale Fähigkeiten werden häufig nicht ausreichend erworben. Schulvermeidung kann eine schwere Belastung für das Selbstbild und das Selbstbewusstsein verursachen und die psychische Gesundheit erheblich gefährden.

Muss sich Schule ändern?
Dr. Burkhard Neuhaus: Das Schulsystem ist unglaublich vielfältig. Ich habe großen Respekt vor dem, was Lehrkräfte alles leisten. Ich würde annehmen, dass sich alle Systeme, die mit Menschen arbeiten, übrigens auch die Kliniken, auf veränderte Anforderungen einstellen müssen. Es wäre viel erreicht, wenn es gelingt, dass auf Schulvermeidung schneller reagiert wird.

Clip: Christian Degener/AWO

 

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