Jetzt freut sich Sabine Heuer auf ihre Arbeit und die neuen Herausforderungen.

„Ich habe mich zurückgekämpft“

Sabine Heuer war Teilnehmerin bei AWO BeA

Region Hannover/ Hannover. Inzwischen ist sie wieder so belastbar, dass sie 15 Stunden in der Woche arbeiten kann. Demnächst tritt sie ihre neue Stelle als Verwaltungsfachangestellte in der Personalabteilung einer großen Kammer an: „Eine ganz normale Stelle, auf die ich mich beworben habe“, freut sich Sabine Heuer*. Der Weg dorthin war nicht einfach. Denn Heuer ist erwerbsunfähig und bezieht eine Erwerbsminderungsrente. Bis vor kurzem hat sie als Teilnehmerin bei AWO BeA – Betätigungsangebote für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen in der Warenannahme im KRH Klinikum Siloah gearbeitet. Das habe ihr sehr geholfen, sagt die 47-Jährige.

Sabine Heuer leidet unter Depressionen, Ängsten, einer Essstörung und Fibromyalgie – einer chronischen Schmerzerkrankung. Die Depressionen begannen schon als Jugendliche – „als meine Mutter krank wurde“. Und wenn man das nicht am Anfang behandele, schleiche es sich immer mehr ein, erzählt Heuer. Mit 18 Jahren machte sie eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau in einer Bäckerei und arbeitete danach einige Jahre in ihrem Beruf – bis es irgendwann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ging. Mit einer Essstörung in einer Bäckerei zu arbeiten, sei schwierig, sagt sie. Im Jahr 2007 wurde Heuer dann richtig krank und musste in die Psychiatrie, aus der sie sich aber wieder herausgekämpft hat, wie sie betont. Da Heuer nicht mehr in einem Beruf arbeiten konnte, in dem sie mit Lebensmitteln zu tun hatte, wurde ihr eine Umschulung zur Verwaltungswirtin mit Angestelltenprüfung bewilligt, die sie 2016 in Hannover begann und erfolgreich abschloss. Aber auch danach ging es ihr nicht gut und sie fühlte sich nicht in der Lage, zu arbeiten. Im Jahr 2019 stellte Heuer dann einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente. Als sie den Bewilligungsbescheid erhielt, war sie zunächst geschockt: „Ich hatte Teilerwerbsminderungsrente beantragt, weil ich dachte, ich könnte Teilzeit arbeiten, und ich hatte sogar mit einer Ablehnung gerechnet – dann stand da volle Erwerbsminderung.“ Es habe sich nicht gut angefühlt, von der Gutachterin so eingeschätzt zu werden, erklärt Heuer. Nach einigem Nachdenken sei es aber richtig gewesen: „Auch Teilzeit hätte ich nicht geschafft.“

“Sonst würde ich immer noch auf dem Sofa sitzen”

Sabine Heuer ging es zu der Zeit sehr schlecht, so dass der Psychiater ihr psychiatrische häusliche Krankenpflege verordnete. Eine Nothilfe, die sie gern in Anspruch nahm. Es sei ihr zwar sehr schwergefallen, sich auf die unterstützenden Gespräche zu Hause in ihrer Wohnung einzulassen, erzählt Heuer, die damals sehr zurückgezogen lebte und wenig Kontakt zur Außenwelt hatte. „Manchmal war ich froh, wenn die Besucherin wieder weg war.“ Aber es sei gut für sie gewesen, ohne die Unterstützung hätte sie diese Zeit nicht überstanden: „Sonst würde ich immer noch auf dem Sofa sitzen.“

In dieser Zeit stellte Heuer bei der Stadt einen Antrag auf Ambulant Betreutes Wohnen. In dem folgenden Bedarfsermittlungsgespräch habe ihr die Sozialarbeiterin einen Flyer von AWO BeA in die Hand gedrückt. „Und ich dachte, ja das könnte etwas sein – eine Tätigkeit in einem Betrieb, in dem ich flexibel und mit wenigen Stunden arbeiten kann und der auf meine psychische Situation Rücksicht nimmt.“ Heuer nahm daraufhin Kontakt auf und vereinbarte einen Termin. Im Februar 2020 hatte sie das erste Gespräch mit Silke Semrau, der zuständigen Mitarbeiterin bei AWO BeA, in dem es um die ersten Schritte und Einsatzmöglichkeiten in den teilnehmenden Betrieben für Heuer ging. „Frau Semrau hat mir erklärt, in welchen Bereichen ich arbeiten kann und Vorschläge gemacht – wir haben gemeinsam besprochen, was möglich ist.“ Heuer fand mehrere Bereiche interessant und entschied sich dann für die Menüabfrage im KRH Klinikum Siloah. „Aber kurz darauf kam der Lockdown und alles stand still.“

Für Heuer war das eine sehr schwere Zeit. Gerade hatte sie für sich eine neue Möglichkeit gesehen, langsam wieder ins Arbeitsleben einzusteigen und auch soziale Kontakte zu haben. So konnte sie erst nach Ende der Corona-Pandemie im Sommer 2021 die Tätigkeit in der Menüabfrage aufnehmen. Dort war es ihre Aufgabe, die Patient*innen nach ihren Essenswünschen zu befragen. „Ich bin zu ihnen gegangen, habe sie gefragt, was sie gerne essen möchten und das dann in einen Laptop eingegeben.“ Nach einigen Monaten fühlte sich Heuer mit dieser Aufgabe nicht mehr so wohl. Zwar habe ihr die Arbeit mit den Menschen gefallen: „Ich habe gespürt, dass sich die meisten gefreut haben, wenn ich mit ihnen ins Gespräch kam – ich hatte ja Zeit für sie.“ Gleichzeitig war es für sie emotional sehr belastend zu erleben, wie wenig Zeit den Pflegekräften im Klinikalltag aufgrund der hohen Arbeitsbelastung für die Patienten bleibt.

In Gesprächen mit Silke Semrau und der für sie zuständigen Ansprechpartnerin in der Klinik sprach Heuer die für sie schwierige Arbeitssituation an und gemeinsam wurde nach Alternativen gesucht und geschaut, ob eine andere Tätigkeit in der Klinik möglich ist. „Mir ging es aber erst einmal so schlecht, dass ich eine Auszeit nehmen musste.“ Nach drei Monaten kehrte Heuer zurück und fing in der Warenannahme an. Zu ihren Aufgaben dort gehörte es, Pakete auszupacken, den Inhalt mit dem Lieferschein abzugleichen und am PC zu verbuchen und an die jeweiligen Empfänger weiterzuleiten. Nach einiger Zeit kam die Retourenbearbeitung hinzu, die sie selbstständig erledigen durfte. Die Arbeit hat ihr viel Spaß gemacht, auch mit den Kolleginnen und Kollegen kam sie gut aus und fühlte sich akzeptiert. Sie ging offen mit ihrer Situation um. „Alle wussten, dass ich krank war – ich war ja immer nur drei Tage in der Woche für drei Stunden da“, sagt Heuer.

Ihr Ziel war es, wieder in ihrem ursprünglichen Beruf als Verwaltungswirtin zu arbeiten

Mit der Zeit fühlte sich Heuer immer sicherer und es kam der Wunsch nach einer Festanstellung auf. Weil in der Warenannahme kurzfristig keine passende feste Stelle frei war, bewarb sich Heuer selbst auf dem freien Arbeitsmarkt. Im Klinikum wurde ihr zwar eine Stelle in der Modulversorgung angeboten. „Aber das wollte ich nicht“, sagt Heuer. Ihr Ziel war es, wieder in ihrem ursprünglichen Beruf als Verwaltungswirtin zu arbeiten. So entschied sich Heuer, dort aufzuhören und ihren beruflichen Weg woanders fortzusetzen. Auch wenn sie gerne geblieben wäre: „Dass das Klinikum bei AWO BeA mitmacht, war für mich eine große Chance und hat mir geholfen, wieder aus meinem Loch herauszukommen, eine Tagesstruktur zu haben und belastbar zu werden. Ich bin sehr dankbar dafür.“

Jetzt freut sich Sabine Heuer auf ihre Arbeit und die neuen Herausforderungen. Sie ist zuversichtlich, es zu schaffen, 15 Stunden in der Woche zu arbeiten – auch ohne den geschützten Rahmen von AWO BeA. Auch Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen, fällt ihr jetzt leichter. „Mein Freundeskreis ist immer noch klein und ich bin sehr viel zuhause“, sagt Heuer, die gerne strickt und sich mit ihrem Hobby im Verein Sternenzauber und Frühchenwunder engagiert. Sie sei nicht der Typ, der oft ausgehen mag.

Für ihre Zukunft wünscht sich Heuer, aus der vollen Erwerbsminderung herauszukommen. Ihre befristete Rente läuft noch bis Sommer 2025, ihr Arbeitsvertrag ist ebenfalls auf zwei Jahre befristet. „Ich hoffe, dass ich in zwei Jahren zumindest in ein Teilzeitarbeitsverhältnis wechseln kann. Schon mit 47 Jahren dauerhaft in Rente zu sein – das sei eine lange Zeit. „Ich kann und will arbeiten und kämpfe mich langsam zurück“.

*Name von der Redaktion geändert

Text & Foto: Gaby Kujawa/AWO

Jetzt freut sich Sabine Heuer auf ihre Arbeit und die neuen Herausforderungen.

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