Häufig beginnt psychische Gewalt als schleichender Prozess von Grenzverletzungen und Grenzüberschreitungen.

„Ich habe den psychischen Druck nicht mehr ertragen“

Psychische Gewalt in der Beziehung: Sabine Rathkel* hat es erlebt. Sie ist mit den Kindern ins AWO Frauenhaus geflüchtet und hat anschließend zwei Monate im Übergangswohnen der AWO gelebt.

Plötzlich sind Probleme da, die es vorher noch nicht gegeben hat. Der Partner übt seelischen Druck aus, redet auf sie ein, sie sei nichts wert, sie sei krank. Psychische Gewalt beschreibt alle Formen der emotionalen Schädigung und Verletzung einer Person. Dazu zählen Einschüchterungen, aggressives Anschreien, Verleumdungen, Drohungen und Demütigungen bis hin zu Psychoterror. Sie geht oft auch mit Stalking einher. Häufig beginnt psychische Gewalt als schleichender Prozess von Grenzverletzungen und Grenzüberschreitungen. Sie wird von Betroffenen, aber auch von Personen aus ihrem Umfeld oft lange Zeit nicht als Gewalt erkannt. Anders als körperliche Gewalt hinterlässt psychische Gewalt keine sichtbaren Wunden oder Spuren. Sie hinterlässt spürbare tiefgehende Verwundungen in der Persönlichkeit der betroffenen Frau.

„Ich habe mir unheimlich viel Stress bei der Wohnungssuche gemacht.“  Rathkel wohnt jetzt zusammen mit ihren drei kleinen Kindern wieder in einer eigenen Wohnung.  „Ich hatte Angst obdachlos zu werden – deshalb habe ich überall angerufen und gesucht.“ Die 42-Jährige hat eine schwere Zeit hinter sich.

Rathkel ist vor ihrem Mann geflohen. Sie konnte den psychischen Druck nicht mehr ertragen, wie sie erzählt. Das andauernde auf sie Einreden, sie sei krank und könne sich nicht mehr um die gemeinsamen Kinder kümmern, Vorwürfe ihres Mannes, ihrer Schwiegereltern und auch ihrer älteren Schwester, lautstarke Streitereien vor den Kindern. Und dann das Gefühl, alle wollen sie loswerden. „Ich habe es nicht mehr ausgehalten.“

Wie es dazu gekommen ist, dass sich die Beziehung zu ihrem Mann komplett verändert hat, versucht Rathkel nach und nach herauszufinden und für sich zu klären. Es sei schwierig, anderen Menschen zu erklären, was passiert sei. Nach außen schien alles zu stimmen.

„Ich hatte keine schöne Kindheit, meine Mutter war krank, litt an Depressionen, hatte Suchtprobleme und einige Selbstmordversuche hinter sich“, berichtet Rathkel. Zwei Jahre nach dem Tod des Vaters habe sich die Mutter umgebracht. Rathkel, die zusammen mit zwei Schwestern als mittleres Kind aufgewachsen ist, beschreibt ihr Verhältnis zu der älteren Schwester als schwierig, voller Spannungen und ambivalent – Wechsel zwischen engem Kontakt und Kontaktabbruch, Erbstreitigkeiten nach dem Tod der Mutter, Wiederannäherung. Mit 17 ist sie von zuhause ausgezogen, wohnte in verschiedenen Wohngemeinschaften. Bis sie sich dann entschloss, in einem Bauwagen auf dem Grundstück einer Freundin zu leben. „Ich hatte damals das Gefühl, meinen richtigen Platz gefunden zu haben – abends am Feuer zu sitzen, mit Holz zu heizen, ein schönes einfaches Leben zu führen.“ Rathkel hat dann andere Leute aus der Bauwagenszene kennengelernt, gemeinsam planten sie, einen neuen Wagenplatz zu gründen. Dort ist sie dann auch ihrem zehn Jahre jüngeren Mann begegnet.

„Dann bin ich ungeplant schwanger geworden“. Es folgten viele Gespräche, bei denen es immer wieder kurz vor der Trennung stand. Der Vorwurf, durch das Kind seine Freiheit zu verlieren, hätte für sie spürbar in der Luft gelegen. Beide entschieden sich dann aber gemeinsam für das Kind. „Anfangs sind wir sogar an der Situation ein bisschen gewachsen“, sagt Rathkel. Die Rahmenbedingungen und die Umstände schienen zu passen. Auch von der Familie ihres Mannes fühlte sie sich gut aufgenommen: „Ich war wie eine Tochter für die Schwiegereltern – ein gutes Verhältnis.“  Beide sind bald in ein Haus ganz in die Nähe von den Schwiegereltern gezogen.  Kurz danach wurde sie, dieses Mal geplant, schwanger – mit Zwillingen. Nach einem Antrag von ihm, wie Rathkel betont, hätten sie noch kurz vor der Geburt der Zwillinge geheiratet. Es habe aber nicht lange gedauert, bis er ihr sagte, er hätte nur geheiratet, weil es von ihm erwartet wurde.

Der gemeinsame Traum, in einem Hofprojekt mit anderen zusammen zu leben, wurde erst einmal zurückgestellt. „Der Alltag mit Kindern zog in unser Leben ein.“

Rathkel hatte dann bald auch wieder Kontakt zu der älteren Schwester. „Als unsere Oma gestorben war, sind wir uns wieder nähergekommen und haben uns öfter mal getroffen. Mein Mann und ich haben sie auch in unser Hofprojekt mit einbezogen, das wieder etwas Wind aufnahm.“ In dieser Zeit müsse es wohl passiert sein, dass sich ihr Mann in ihre Schwester verliebt hat. Und das sei nicht das erste Mal gewesen, so Rathkel. Während der Beziehung habe er schon dreimal gesagt, dass er sich anderweitig verliebt hätte.

„Wir haben darüber gesprochen und beschlossen, das Projekt trotzdem weiter zu verfolgen und die Situation gemeinsam mit den anderen Projektbeteiligten in den Griff zu bekommen“, sagt Rathkel. Ihre Zweifel und Bedenken behielt sie für sich. Und – es wurde schlimmer. Ihr Mann habe sich nach und nach immer mehr von ihr abgewandt. Wegen jeder Kleinigkeit sei es zu schlimmen Konflikten gekommen. „Auch im Umgang mit den Kindern waren wir uns nicht einig.“ Das hätten die Kinder gespürt. „Ich hatte irgendwann das Gefühl, alle sind gegen mich“, erklärt Rathkel. Ihr Mann und ihre Schwester hätten versucht, ihr eine posttraumatische Belastungsstörung einzureden, die sich aus ihrer schwierigen Kindheit entwickelt hätte. Es folgten Vorwürfe über Vorwürfe. Sie sei nicht fähig, die Kinder zu versorgen, sie würde übertreiben mit der Fürsorge für die Kinder und den Bedenken hinsichtlich des Hofprojektes, sie würde alles zerstören und wieder der Vorwurf – sie hätte ihm seine Freiheit genommen.

„Kurz vor dem Umzug in das Hofprojekt habe ich dann die Notbremse gezogen und gesagt, dass ich so nicht leben kann.“ Rathkel hat sich dann auf eigenen Wunsch in die Psychiatrie einweisen lassen und eine achtwöchige Therapie durchlaufen. Eigentlich sollte sie schon nach zwei Wochen entlassen werden, aber sie sowie die Ärzte und Therapeuten machten sich Sorgen wegen der häuslichen Situation. „Ich habe in der Zeit erkannt, dass mir diese Beziehung nicht guttut, war aber selber noch nicht so weit, mich zu trennen.“

Die Entscheidung, sich wirklich zu trennen, habe dann ihr Mann getroffen. „Wir fingen an, darüber zu reden, wie es mit den Kindern weitergeht und wie wir das regeln“, berichtet Rathkel. Da sie in dieser Zeit überwiegend nur an den Wochenenden zuhause war, habe ihr Mann den Alltag mit den Kindern organisiert. „Es beschlich mich das Gefühl, dass mein Mann alles Mögliche veranstaltete, das Leben für die Kinder ohne mich zu organisieren und mir die Kinder zu entfremden.“

Nach acht Wochen wurde Rathkel aus der Klinik entlassen mit einem Brief, der aussagte, dass sie stabil sei. Zuhause ging es dann mit den Vorwürfen weiter. Ihr Mann habe sie nur noch angeschrien und beschimpft. Sie solle sich verpissen, sich nicht in die Erziehung einmischen, sie sei krank und würde den Kindern schaden. „Auch den Kindern redete er ein, wie krank ich sei“, erzählt Rathkel. „Sie hatten Angst und suchten ganz viel körperliche Nähe zu mir.“ Ihr Mann habe sie aber nicht an die Kinder herangelassen und sich zwischen sie und die Kinder gestellt.“  Irgendwann, nach ihrer Rückkehr aus der Klinik, sagte der Sohn: „Mama du darfst nicht sterben“ und brach zusammen.  Da war für Rathkel der Punkt erreicht: „Ich wollte das den Kindern nicht weiter antun – die schlimme psychische Situation zuhause.“ Sie hat sich mit einer Anwältin in Verbindung gesetzt, die ihr geraten hat, mit den Kindern ins Frauenhaus zu gehen, wo sie Schutz, Hilfe und Unterstützung erhalten würde.

Jetzt ist Rathkel dabei, in der neuen Wohnung ihr Leben mit den Kindern neu zu organisieren. Sie und ihr Mann teilen sich das Sorgerecht. Die Kinder leben bei ihr. Beide Elternteile sprechen sich bezüglich der Kinder ab – wer die Kinder aus der Kita abholt, wo die Kinder ihren Nachmittag verbringen, wie sie die Arzttermine und vieles andere, was den Alltag betrifft, organisieren. Es gibt eine gerichtliche Vereinbarung, die den Umgang regelt, eine außergerichtliche Einigung war nicht möglich. „Die Kinder haben viel erleben müssen, kommen aber mittlerweile ganz gut mit der Situation klar“, sagt Rathkel. Sie selber habe Angst davor, dass ihr Mann wieder Druck auf sie ausübt und sie sich dem nicht gewachsen fühlt. Als nächsten Schritt möchte sie die Scheidung einreichen. Das sei dann ein kompletter Neustart.  Rathkel, die zurzeit auf Hartz IV Leistungen angewiesen ist, möchte langfristig wieder in ihrem Beruf als Krankenschwester arbeiten. „Ich weiß, dass ich beruflich viele Möglichkeiten habe.“ Zunächst sei es ihr aber wichtig, für die Kinder da zu sein. „Ich möchte ihnen einen sicheren Hafen bieten.“

*Name redaktionell geändert

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