Gefangen in einer Gewaltspirale. Illustration: Maja Bächle

„Ich fühlte mich so machtlos“

Magazin AWO ImPuls - Schwerpunkt Gewalt: Bewohner des AWO Wohnheims Nordfelder Reihe berichtet von seinen Mobbing-Erfahrungen

Region Hannover/Hannover-Nordstadt. Jochen*lebt seit sieben Jahren im AWO Wohnheim Nordfelder Reihe. Er erinnert sich noch genau an das Einzugsdatum – das war der 9. September 2014. „Seitdem ich hier bin, fühle ich mich sicher.“ Der 57-Jährige hat einen langen Leidensweg hinter sich. Jahrelange Mobbingerfahrungen und Ängste prägen sein Leben. „Ich brauche viel Hilfe und Unterstützung.“ Alleine in einer Wohnung zu leben, dazu sei er nicht in der Lage, wie Jochen selber betont.

Jochen hatte immer Angst, von klein auf – in der Schule, beim Arbeiten. Seine Mitschüler haben ihn geärgert, gehänselt, geschlagen und Sachen von ihm kaputtgemacht. Angefangen hat es mit sieben oder acht Jahren in der Schule. „Ich konnte mich nicht wehren, ich wusste nicht wie und fühlte mich so machtlos“, erzählt er. Seine Eltern hätten ihm nicht helfen können, obwohl er ein gutes Verhältnis zu ihnen hatte. Auch von den Lehrkräften habe er keine Hilfe bekommen. „Sie haben mich wohl nicht ernst genommen“, sagt er leise. Freunde habe er nie gehabt. In der Berufsschule ging es mit den Hänseleien und Prügeln weiter. Zu einem Lehrer habe er mal Vertrauen gehabt – sie hätten geredet. „Der war aber nicht lange an der Schule.“ Irgendwann ist Jochen kaum noch aus dem Haus gegangen. Er hatte Angst, anderen Menschen zu begegnen. „Ich habe mich so schlecht gefühlt, dass ich Selbstmordgedanken hatte.“

Jochen hat keinen Schulabschluss und keine Ausbildung. Eine Führerscheinprüfung musste er abbrechen. Die Angst es nicht zu schaffen und zu versagen, habe ihn immer begleitet. Um etwas Geld zu verdienen, hat Jochen jahrelang Zeitungen ausgetragen. Auch das ging irgendwann nicht mehr. Vor Angst sei er häufig nicht in der Lage gewesen, morgens aufzustehen. Zuhause eskalierte die Situation. Jochens Schwester, in deren Wohnung er bis vor sieben Jahren gemeinsam mit seiner Mutter lebte – der Vater ist früh gestorben, drängte ihn permanent, auszuziehen. „Sie war gemein zu mir und hat mich beschimpft – wie ich aussehen würde und was für ein fieser Mensch ich sei.“ Die Mutter konnte ihm nicht beistehen. Sie sei damals schon so alt gewesen. Irgendwann habe er es nicht mehr ausgehalten. Als dann ein Platz im Wohnheim frei wurde, hat sich sein damaliger Betreuer darum gekümmert, dass er dort einziehen kann. „Und hier fühle ich mich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder wohl“, sagt Jochen.

„Wir unterstützen Jochen dabei, sich eine eigene Tagesstruktur zu schaffen“, erklärt AWO Mitarbeiterin Kristin Holling, die als Betreuerin für Jochen zuständig ist. Im Wohnheim Nordfelder Reihe der AWO Region Hannover werden Menschen betreut, die aufgrund einer psychischen Erkrankung an einer seelischen Behinderung leiden. Eine Regel sei, dass alle Bewohnerinnen und Bewohner wertschätzend und respektvoll miteinander umgehen, so Holling. Jochen fühlte sich von Anfang an liebevoll aufgenommen. „Dieses Gefühl hatte ich ganz früher nur bei meinen Eltern“, erzählt Jochen. Hier werde ihm zugehört, niemand würde ihm wehtun und ärgern wollen. Es sei wie ein Zuhause geworden und zu den Gruppen- und Ergotherapieangeboten ginge er gerne hin – ohne Angst, wie Jochen betont. Außerdem würde er viel lesen, Musik hören und zweimal am Tag mit seiner Mutter telefonieren. Ab und zu ginge er auch nach draußen. Aber nur, wenn es notwendig ist zum Arzt oder Einkaufen – außerhalb des Wohnheims seien die Ängste wieder da.

Jochen profitiere von den Kontakten und Gesprächen hier im Wohnheim, wie Kristin Holling erklärt. Das würde ihm helfen und mehr Sicherheit geben. Mobbing sei ein immer wiederkehrendes Thema unter den Bewohnerinnen und Bewohnern. Viele hätten ähnliche Mobbingerfahrungen gemacht. Auf die Zukunft angesprochen, möchte Jochen am liebsten im Wohnheim bleiben. Doch er weiß selber, dass der Aufenthalt nur auf einige Jahre begrenzt ist. Er warte darauf, dass ein Platz in einem psychiatrischen Pflegeheim frei wird. Jetzt muss Jochen erst einmal mit einer kürzlich diagnostizierten Krebserkrankung klarkommen. Da erwarten ihn noch einige Arzttermine. „Ich versuche gelassen mit der Situation umzugehen.“ Die Unterstützung im Wohnheim sei da.

*Name redaktionell geändert

Text: Gaby Kujawa, Illustration: Maja Bächle

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