Häusliche Gewalt bedeutet nicht nur körperliche Gewalt, sondern auch psychische, ökonomische und sexualisierte Gewalt.

Häusliche Gewalt ist immer noch ein Tabuthema

Interview mit Lydia Pfeiffer, Leiterin des Frauenhauses der AWO Region Hannover

Die AWO Region Hannover betreibt seit 1995 ein Frauenhaus in der Region Hannover. In dieser Zeit fanden dort 2510 Frauen und 2598 Kinder Schutz vor Gewalt. Wo genau sich das Frauenhaus befindet, ist natürlich geheim. Wir haben mit Lydia Pfeiffer, der Leiterin des AWO Frauenhauses, über ihre Arbeit gesprochen.

Wer kann das Frauenhaus der AWO aufsuchen?

Unser Frauenhaus steht jeder von Gewalt betroffenen, volljährigen Frau jeder Religion und jeder Nationalität offen.

Wie schnell ist eine Unterbringung möglich?

Sofort! Eine umgehende Aufnahme ist jederzeit möglich. Wir sind an jedem Tag im Jahr und zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichbar.

Wie viele Frauen und Kinder sind derzeit im Frauenhaus der AWO untergebracht?

Unser Haus bietet 12 Frauen und 15 Kindern anonymen Schutz vor häuslicher Gewalt. Zurzeit leben bei uns 12 Frauen und 10 Kinder unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Religion und Herkunft.

Welche Art von Gewalt haben die Frauen und Kinder erlebt, die Schutz im AWO Frauenhaus suchen?

Das ist sehr unterschiedlich. Viele Frauen erleben durch den Partner, Ex-Partner oder durch Familienangehörige körperliche Gewalt – meist über Jahre hinweg. Hinzu kommt oftmals auch psychische Gewalt. Die Frau bekommt immer wieder „eingetrichtert“, dass sie nichts wert oder dumm sei oder ohne ihn (den Gewalttäter) nicht überlebensfähig ist. Einige Frauen erleben auch sexualisierte Gewalt – entweder durch den Partner oder durch organisierte Kriminalität, Stichwort Zwangsprostitution.
Wir erleben immer wieder, wie Frauen über Jahre derart eingeschüchtert werden, dass sie teilweise ihren Lebensalltag neu lernen müssen: Bahn fahren, mit dem eigenen Geld wirtschaften – solche normalen Dinge durften sie in der Gewaltbeziehung nicht und müssen das mit unserer Unterstützung wieder lernen.

Welche Art der Unterstützung bietet die AWO?

Die Frauen und Kinder benötigen in dieser für sie besonders belastenden Lebenssituation neben der anonymen und sicheren Wohnmöglichkeit im Frauenhaus eine intensive Unterstützung in Form von Beratung und Begleitung. Wir beraten die Frauen und ihre Kinder nach den Prinzipien der Parteilichkeit, bieten Hilfe zur Selbsthilfe und unterstützen sie bei der Aufarbeitung ihrer Gewalterfahrung. Wie oben schon beschrieben, bieten wir Unterstützung in der Alltagsgestaltung und vermitteln die Frauen zu Ärzten (ProBeweis in der MHH), Rechtsanwälten, Therapeuten, helfen bei der Existenzsicherung oder suchen mit den Frauen nach passenden Wohnungen oder Wohnformen für sie und ihre Kinder. In erster Linie geht es darum, die Frauen auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes und gewaltfreies Leben zu begleiten und zu unterstützen. Besonders wichtig ist, dass die Frau selbst entscheidet, wie ihre Zukunft aussehen soll und dies nicht aufgedrängt bekommt – wie schon in ihrer Gewaltbeziehung.

Aufarbeitung heißt, dass die Frauen automatisch eine Therapie machen können?

Leider nicht. Es ist relativ schwer für die Frauen, schnell einen Therapieplatz zu finden. Neben der strukturellen Problematik, dass es schwer ist, einen Therapeuten zu finden, kommen sprachliche Barrieren hinzu, wenn Deutsch nicht die Muttersprache ist. Die Suche nach einem geeigneten Therapeuten wird auch dadurch erschwert, dass viele Opfer in erster Linie eine Traumatherapie bräuchten und es nicht ausreichend darauf spezialisierte Therapeuten gibt.

Was passiert mit den Tätern? Was wird unternommen, damit sie sich den betroffenen Frauen nicht wieder nähern?

Frauen, die von Gewalt betroffen sind und nicht sofort den schützenden Platz in einem anonymen Frauenhaus benötigen, können zunächst einmal eine Beratungsstelle gegen häusliche Gewalt aufsuchen und sich dort über ihre Möglichkeiten nach dem Gewaltschutzgesetz informieren. Die AWO Region Hannover bietet eine solche Beratung auch an. In der AWO Koordinierungs- und Beratungsstelle gegen häusliche Gewalt wird mit der betroffenen Frau gemeinsam entschieden, welchen Weg sie gehen möchte: Die Frauen können beispielweise eine alleinige Nutzung der Wohnung oder ein Näherungsverbot erwirken.

Im Frauenhaus schauen wir zunächst, wie sicher die Frau bei uns ist und ob der Gewalttäter nach ihr sucht. Stellen wir fest, dass er Anhaltspunkte für ihren Aufenthaltsort hat, suchen wir nach einem freien Platz in einem Frauenhaus in einer anderen Stadt. Manchmal erlischt auch das „Interesse“ der Täter an der Frau und sie kann hier in der Stadt/der Region bleiben und sich eine Wohnung suchen. Ein völliger Kontaktabbruch wird oftmals durch gemeinsame Kinder erschwert, wenn der Umgangskontakt zum Vater gewährleistet werden muss. Einige Frauen sind derart traumatisiert, dass sie bei uns zum ersten Mal Erholung von der jahrelangen Gewalt und Unterdrückung finden und sogar davon absehen, den Täter bei der Polizei anzuzeigen, nur um ihre Ruhe zu haben und nicht mehr mit ihm in Kontakt treten zu müssen.

Oftmals haben die Betroffenen eine längere Phase der Entscheidung hinter sich, bevor sie diesen Schritt gehen. Welche Aspekte spielen in dieser Phase eine Rolle?

Die Flucht aus der eigenen Wohnung in ein Frauenhaus ist für die Frauen immer eine schwierige und schwerwiegende Entscheidung. Einerseits bedeutet dieser Schritt das Ende einer von Angst und Gewalt geprägten Beziehung, andererseits ist er auch eine Belastung, da sie ihre gewohnte Umgebung, die eigene Wohnung, und ihr soziales Umfeld – also ihre Nachbarn und Freunde – plötzlich aufgeben müssen. Oftmals kommt auch das schlechte Gewissen hinzu, die eigenen Kindern nicht ausreichend geschützt oder den Gewalttäter erst spät verlassen zu haben.

Wenn eine Frau berufstätig ist, muss man schauen, ob sie ihre Arbeit weiterhin ausüben kann, ohne dass der Täter ihr dort auflauert. Auch soziale und finanzielle Abhängigkeiten von dem Gewalttäter können eine große Rolle spielen und eine rasche Trennung verhindern. Aber auch die Hoffnung, der Partner könnte sich vielleicht doch noch ändern oder der Versuch, die Beziehung den Kindern zuliebe fortzusetzen, um ihnen nicht den Vater zu nehmen, verlängern in einigen Fällen den Loslösungsprozess.

Was passiert, wenn die Frauen das Frauenhaus verlassen?

Unser Ziel ist es, dass die Betroffenen neue Lebensperspektiven entwickeln und ein selbstbestimmtes Leben führen können – ohne Gewalt und Angst. Für unsere ehemaligen Bewohnerinnen und ihre Kinder bieten wir eine nachgehende Beratung an. Dabei ist das durch den Aufenthalt im Frauenhaus entstandene Vertrauensverhältnis sehr wichtig. Die Frauen haben Vertrauen zu den Sozialarbeiterinnen und Erzieherinnen aufgebaut und können auch später noch deren Hilfe und Beratung in Anspruch nehmen.

Gewalt an Frauen ist immer noch ein Tabuthema in unserer Gesellschaft – wie ist das zu erklären?

Viele Menschen glauben leider immer noch, dass häusliche Gewalt nicht in ihrer Nachbarschaft, in ihrem Bekannten- und Freundeskreis oder gar in ihrer eigenen Familie vorkommen kann. Dabei hat häusliche Gewalt nichts mit der sozialen Schicht, der Bildung, der Herkunft, der Kultur oder der Religion zu tun. Auch die Vorstellung, häusliche Gewalt findet immer in Form von körperlicher Gewalt statt, ist fest verankert. Die Bevölkerung muss sensibilisiert werden, dass zur häuslichen Gewalt auch psychische, ökonomische und sexualisierte Gewalt gehören. Das können tägliche Beleidigungen, Vorwürfe oder Beschränkungen in der Alltagsgestaltung der Frau sein.

Weitere Beispiele sind: Eine Frau darf sich nicht mit Freunden und Bekannten treffen, verfügt und verwaltet kein eigenes Geld, bekommt vorgegeben, was sie anziehen darf, was sie zu kochen hat, ob sie arbeiten gehen darf oder wann sie sich für sexuelle Handlungen bereit halten soll – all das ist häusliche Gewalt!  Sicherlich spielt auch die Scham bei vielen Frauen eine große Rolle und die Frage: Wie konnte mir so etwas passieren? Oder auch das Empfinden dafür, was Gewalt überhaupt ist, welche Formen es gibt und wie sich diese bemerkbar machen. Es gibt also viele Gründe, warum wir zusätzlich zu unserer Arbeit auch noch viel Aufklärungsarbeit leisten müssen.

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