Die Organisatorinnen des Fachtags mit den Referentinnen (ausführliche Bildunterschrift siehe weiter unten auf dieser Seite).

Häusliche Gewalt: Fachtag beschäftigte sich mit dem Thema Risikogruppen

Mehr als 100 Teilnehmende tauschten sich im Tagungszentrum der Polizei in Hannover-Lahe aus

Region Hannover/Hannover-Lahe. Wer ist besonders gefährdet, Opfer häuslicher Gewalt zu werden? Welche Personengruppen sollten deshalb stärker in den Fokus rücken? Mit diesen Fragen hat sich jetzt ein Fachtag mit dem Titel „Gemeinsam gegen häusliche Gewalt – vulnerable Gruppen im Blick“ beschäftigt, zu dem die Koordinierungs- und Beratungsstelle bei häuslicher Gewalt zusammen mit ihren Kooperationspartnerinnen, der Donna Clara Beratungsstelle für Frauen und Mädchen in Gewaltsituationen, dem Ophelia Beratungszentrum für Frauen und Mädchen mit Gewalterfahrungen, den Polizeiinspektionen Burgdorf und Garbsen und der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Burgdorf eingeladen hatte.

„Heute richten wir unser Augenmerk auf Personengruppen, die im Alltag Mehrfachdiskriminierungen und anderen besonderen Belastungen ausgesetzt sind. Diese Umstände erhöhen ihr Risiko, Opfer häuslicher Gewalt zu werden“, sagte Ute Vesper, Leiterin des Fachbereichs Frauen bei der AWO Region Hannover, in ihrer Begrüßung der mehr als 100 Teilnehmenden im Tagungszentrum der Polizei in Hannover-Lahe. Zu Risikogruppen zählten Frauen mit Behinderungen, in queeren Beziehungen sowie Seniorinnen.

„Im Arbeitsalltag der Beratungsstellen ist deutlich geworden, dass wir sie noch besser in den Blick nehmen und gezielter ansprechen müssen. Nur so können wir ihnen ein passendes Beratungsangebot machen“, sagte Vesper. Auch Stephanie Eckler, Präventionsbeauftragte bei der Polizei Burgdorf, betonte in Ihrer Begrüßung, wie wichtig der Blick auf die sogenannten vulnerablen Gruppen ist. Wie die drei Fokusgruppen Gewalt erleben, erläuterten Referentinnen. Melissa Depping, stellvertretende Geschäftsführerin des Queeren Netzwerks Niedersachsen, beschrieb in ihrem Vortrag Gewalt in queeren (LSBTIQ*-) Beziehungen und die besonderen Risikofaktoren.„Um zu verstehen, wie queere Personen häusliche Gewalt erleben, ist es wichtig, die Rolle von Heteronormativität – also die Auffassung, dass Heterosexualität die soziale Norm ist – und Queerfeindlichkeit zu berücksichtigen“, sagte Depping und nannte zwei Fälle als Beispiele.

In dem einen geraten die Frauen Ebru und Lisa in einen Streit, als sich ihr gemeinsames Kind als transsexuell oute, und Ebru das nicht wahrhaben will. Dieser Konflikt verschärft die Eheprobleme, was dazu führt, dass Lisa mit Trennung und dem Antrag auf alleiniges Sorgerecht droht, da sie glaubt, als leibliche Mutter mehr Rechte zu haben als die Adoptiv-Mutter Ebru.

Depping skizzierte als zweiten Fall die Beziehung von Akiko und Juan, ein Paar seit Schulzeiten, das eine Krise erlebt, als Juan im Studium seine Bisexualität entdeckt. Akiko wird immer eifersüchtiger und versucht, ihren Partner zu kontrollieren. Die Situation eskaliert, als Akiko gewalttätig wird, mit Selbstmord droht und Juan die Beziehung beenden will. Was beide Fälle eint: Queere Menschen schreckten oft davor zurück, Hilfsangebote wahrzunehmen – aus Angst vor Stigmatisierung, Zwangsouting, negativer Aufmerksamkeit für die queere Community, Nicht-Ernstgenommenwerden und Diskriminierungen im Hilfesystem, so Deppping.

„Partnerschaftsgewalt endet nicht mit dem Alter.“, machte Referentin Sandra Kotlenga, Mitarbeiterin bei Zoom e.V. deutlich.  Sie präsentierte dazu eine Studie und differenzierte zwischen älteren Frauen, die seit vielen Jahren in Gewaltbeziehungen leben, und Gewaltsituationen, die neu durch alters- oder krankheitsbedingte Veränderungen auftreten. Auch hier hätten die Betroffenen oft einen erschwerten Zugang zu Hilfsangeboten.

Kotlenga stellte Ansätze zur Verbesserung vor: Kenntnisse über Gewalt sollten in die Arbeit der Altenhilfe und Pflege einfließen und Ältere sollten in Gewaltschutzeinrichtungen wie Frauenhäusern und Beratungsstellen stärker berücksichtigt werden. Sie hob die Notwendigkeit niedrigschwelliger Hilfsangebote hervor und unterstrich die Bedeutung von Vernetzung und Zusammenarbeit. „Altenhilfe, Pflege und Gewaltschutzeinrichtungen sollten sich älteren, von Gewalt betroffenen Frauen stärker annehmen“, forderte die Expertin.

Anja Jung, Mitarbeiterin des AWO Übergangswohnens, referierte über häusliche Gewalt gegen Frauen und Mädchen mit Behinderung. Beeinträchtigungen steigerten das Risiko, von Gewalt betroffen zu sein. Gründe dafür seien, dass die Betroffenen bereits früh Grenzüberschreitungen und Diskriminierungen erleben und auf Unterstützung angewiesen sind. „Zusätzlich erhöhen kommunikative Barrieren, Mobilitätseinschränkungen und mangelnde Vernetzung die Vulnerabilität“, so Jung. „Frauen und Mädchen mit Behinderung oder Beeinträchtigung brauchen Erfahrungen in Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit, um der erhöhten Gefahr von Grenzüberschreitungen mit Kompetenz begegnen zu können.“

Bei einem von den teilnehmenden Einrichtungen gestalteten Markt der Möglichkeiten gab es in der Pause Raum zum Austausch und Kennenlernen. Hier stellten sich die Senioren- und Pflegestützpunkte, die LSBTIQ*-Ansprechpersonen der Polizei, die sexualpädagogische Beratungsstelle Selli der Lebenshilfe, das queere Netzwerk Niedersachsen, die Suana Beratungsstelle für Migrantinnen bei häuslicher Gewalt, Stalking und Zwangsheirat, die SeWo Beratungsstelle für Frauen* in existenziellen Notlagen und Wohnungsnot, das Projekt RE_Start, das Haus Orange, das Projekt FGM_C der Diakonie und die Opferhilfe vor.

Franziska Burbulla von der AWO Koordinierungs- und Beratungsstelle bei häuslicher Gewalt betonte während der abschließenden Podiumsdiskussion, wie notwenig eine erhöhte Sensibilität für die Bedürfnisse der jeweiligen Zielgruppen und die inklusive Gestaltung und Bewerbung von Beratungsangeboten ist, um Zugangsbarrieren abzubauen. Sie hob die zentrale Rolle der Zusammenarbeit der verschiedenen Akteur*innen hervor. Ute Vesper freute sich über die Resonanz auf den Fachtag. „Er ist auch das Ergebnis der jahrelangen guten Zusammenarbeit zwischen dem BISS Verbund und der Polizei in der Region“, sagte Vesper und betonte abschließend: „Wir wissen, dass der heutige Fachtag nur ein Auftakt ist und es weitere besonders vulnerable Personengruppen gibt, die ebenfalls in den Fokus genommen werden müssen.“ 

Zum Hintergrund: Der Fachtag zum Thema häusliche Gewalt richtet sich an Fachkräfte aus der Verwaltung sowie an Mitarbeitende der Beratungsstellen und der Polizei. Er fand bereits zum dritten Mal statt und wird vom BISS Verbund gemeinsam mit der Polizei organisiert. 

Bildunterschrift: Die Organisatorinnen des Fachtags mit den Referentinnen: (von links) Petra Niopek vom Ophelia Beratungszentrum für Frauen und Mädchen mit Gewalterfahrungen, Referentin Sandra Kotlenga von Zoom e.V., Beatrice Bartsch, Beauftragte für Kriminalprävention bei der Polizeiinspektion Garbsen, Ute Vesper, Leiterin des Fachbereichs Frauen bei der AWO Region Hannover, Franziska Burbulla, Leiterin der AWO Koordinierungs- und Beratungsstelle bei häuslicher Gewalt, Petra Pape, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Burgdorf, Anne Hugenberg, Mitarbeiterin der AWO Koordinierungs- und Beratungsstelle bei häuslicher Gewalt, Nicole Waldmann von der Donna Clara Beratungsstelle für Frauen und Mädchen in Gewaltsituationen, Referentin Melissa Depping vom Queeren Netzwerk Niedersachsen und Stefanie Eckler, Beauftragte für Kriminalprävention bei der Polizeiinspektion Burgdorf. Es fehlt auf dem Bild: Referentin Anja Jung.

Text & Fotos: Christian Degener/AWO

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