Philipp Vorwergk ist der neue Leiter der AWO Schuldnerberatungsstelle in Langenhagen.

„Corona hat die Situation verschärft“

AWO Schuldnerberatungsstelle Langenhagen verzeichnet hohen Beratungsbedarf/ Philipp Vorwergk hat Leitung von Elke Zebedies übernommen

Region Hannover/ Langenhagen. „Unsere Schuldnerberatung wird sehr stark nachgefragt“, sagt Philipp Vorwergk, neuer Leiter der Schuldnerberatungsstelle der AWO Region Hannover in Langenhagen. Der 36-Jährige hat die Leitung kürzlich von Elke Zebedies übernommen, die neun Jahre für die AWO Einrichtung verantwortlich war. Seit Jahresbeginn habe die Schuldnerberatung telefonisch und in Präsenz mehr als 340 Beratungen in Langenhagen durchgeführt. „Der Bedarf ist groß – und die Corona-Pandemie hat die Situation verschärft“, berichtet Vorwergk. Einige Ratsuchende hätten durch die Pandemie ihre Einkommensgrundlage verloren, zusätzlich habe der Lockdown auch noch die Arbeitsplatzsuche erschwert, was schnell zu einer Überschuldung führen könne. „Die Ursachen für den wachsenden Schuldenberg sind sehr vielfältig“, sagt Vorwergk. Alle hätten gemein, dass der Druck irgendwann so groß wird, dass sie eine Schuldnerberatung aufsuchen. „Wir nehmen den ganzen Menschen in den Blick und entwickeln gemeinsam eine Perspektive. Viele Ratsuchende erkennen zu Beginn der Beratung, dass sie sich selbst helfen können und dabei professionelle und kostenlose Unterstützung erhalten.“

Zunächst sei es wichtig, dass die Ratsuchenden ihre Rechte kennen – dazu gehöre vor allem das Recht auf ein pfändungsfreies Existenzminimum. Kürzlich habe er einen Fall erlebt, bei dem einem Langenhagener das gesamte Arbeitslosengeld II gepfändet wurde, obwohl diese Sozialleistung das Existenzminimum garantieren soll. „Ich habe dann dabei unterstützt, den Gläubiger darauf aufmerksam zu machen und die Pfändung aufheben zu lassen“, berichtet Vorwergk. Um sich vor Konto-Pfändungen zu schützen, empfiehlt er den Ratsuchenden ein so genanntes P-Konto einzurichten, ein Pfändungsschutz-Konto. „Jede Person darf nur ein Pfändungsschutzkonto einrichten. Dieses Konto sollte dann auch bei einer Bank sein, bei der ich keine Kredite habe, auch keinen Dispo-Kredit, und keine Schulden.“

Dann entwickelt er mit ihnen eine Entschuldungsperspektive – das können Ratenzahlungen sein, ein Vergleich oder, in Fällen einer nicht anders zu bewältigenden Überschuldung, der Weg in die Privatinsolvenz, die im Regelfall seit Oktober nur noch drei statt sechs Jahre dauert. „Die Menschen in der Beratung sind alle sehr erleichtert, wenn sie hören, dass das Verfahren inzwischen nur noch drei Jahre dauert“, so Vorwergk.

Doch wie wird man eigentlich Schuldnerberater? Vorwergk hat Sozial- und Kulturwissenschaften studiert. Nach dem Berufseinstieg als Sozialarbeiter in Beratungsstellen in Osnabrück für geflüchtete Menschen sowie im Jugendmigrationsdienst zog er mit seiner Familie nach Hannover. Hier wechselte er zunächst in eine Jobcenter-Beratung, bevor er den Entschluss fasste, sich um die Stelle in der Schuldnerberatung zu bewerben. „Existenzsicherung, Geldsorgen, Schuldenprobleme – das waren Anliegen fast aller Ratsuchenden in meinen Sprechstunden. Es hat mich sehr gereizt, mein Fachwissen in diesem Bereich zu vertiefen, um die Menschen noch besser unterstützen zu können.“ Voraussetzung für den Wechsel ist eine zertifizierte Weiterbildung zum Schuldnerberater, die Vorwergk schon vor seinem ersten Arbeitstag bei der AWO aufgenommen hat.

„Schuldnerberatungen sind sehr komplex“, sagt Vorwergk. Dabei beschränkt sich das Angebot nicht auf den Umgang mit den vielen Briefen, Akten und Zahlen. „Bei allem stehen die Menschen mit ihren Anliegen und Bedürfnissen im Mittelpunkt unseres Handelns.“ Die Beratungen dauern manches Mal Monate oder Jahre. „Es kann heutzutage schnell passieren, in eine Überschuldung zu geraten, aus der man nicht mehr so leicht herauskommt – deshalb sind niedrigschwellige soziale Schuldnerberatungsstellen so wichtig“, betont Vorwergk. In Langenhagen ist die AWO Einrichtung auch von der Lage her leicht zu erreichen – sie befindet sich direkt am Marktplatz. Und auch wenn er gerade sehr viel zu tun hat, gebe es derzeit keine längeren Wartezeiten auf einen Termin bei ihm. „Und in ganz dringenden Fällen stehe ich auch telefonisch zur Verfügung.“

Die AWO Schuldnerberatungsstelle in Langenhagen ist telefonisch unter 0511 9735570 oder per Mail unter schuldnerberatung@awo-hannover.de zu erreichen.

Text & Foto: Christian Degener/AWO

Philipp Vorwergk ist der neue Leiter der AWO Schuldnerberatungsstelle in Langenhagen.

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