Region Hannover/ Hannover. Was bedeutet Pflege – für diejenigen, die sie brauchen, für Angehörige und für die, die sie täglich leisten? Wir haben drei Menschen gebeten, aus ihrem Alltag in verschiedenen AWO-Seniorenresidenzen zu erzählen. Teil 2: Herbert Sander, 86, dessen demenzkranke Frau in der AWO Seniorenresidenz in Sehnde lebt.
Herbert Sander ist Vorsitzender des Heimbeirats, erlebt Pflege aus nächster Nähe – und weiß, wie wichtig Respekt, Zeit und gute Leitung sind. Ich komme fast jeden Tag her. Meine Frau lebt seit über sechs Jahren in der Einrichtung – sie ist dement und erkennt mich wahrscheinlich nicht mehr. Aber ich möchte sie sehen und ihr Nähe geben. Zum Glück weiß ich, dass sie hier gut versorgt ist. Für mich ist das wichtig.
Ich habe lange gebraucht, um diesen Schritt zu gehen. Niemand gibt seinen Partner gern in fremde Hände, schon gar nicht nach über sechzig gemeinsamen Jahren. Anfangs dachte ich, wir schaffen das zu Hause. Wir hatten unser Haus verkauft, sind in eine kleinere Wohnung gezogen, und ich wollte mich um alles kümmern. Meine Frau war realistischer, sie war Krankenschwester, hat früher selbst in der Pflege gearbeitet. Sie wusste, was auf uns zukommen könnte, und hat immer gesagt: „Wenn es mal so weit ist, bring mich bitte zur AWO.“
Aber als es dann so weit war, wollte ich es nicht wahrhaben. Ein Platz, der wirklich passte Irgendwann war sie vor allem nachts wach, lief im Haus herum, packte ihre Sachen und sagte, sie werde gleich abgeholt – von ihrem Vater, von ihrem Bruder. Ich habe kaum noch geschlafen. Schließlich sagten unsere Söhne: „Papa, so geht das nicht mehr.“ Und sie hatten recht. Ich war am Ende meiner Kräfte.
In einer anderen Einrichtung hätten wir sofort einen Platz bekommen, aber das Zimmer war winzig – vielleicht ein Viertel von dem, was sie hier hat. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie dort glücklich ist. Einen Tag später kam zum Glück der Anruf aus der AWO Seniorenresidenz hier in Sehnde: „Herr Sander, wir haben ein Zimmer.“ Als meine Frau ankam, sah sie sich um und sagte: „Ist das schön hier.“ Da fiel mir ein Stein vom Herzen.
Heute bin ich Vorsitzender des Heimbeirats. Ich erlebe Pflege aus zwei Perspektiven – als Ehemann und als jemand, der mitgestaltet. Ich sehe, wie viel Arbeit die Pflegekräfte leisten, mit welcher Geduld und Freundlichkeit. Und ich weiß, wie schwer dieser Beruf ist. Gute Pflege hängt für mich stark von der Leitung ab. Wenn die stimmt, dann stimmt auch das Klima im Haus. Hier ist das so, und dafür bin ich dankbar.
Ich habe durch meine Arbeit gelernt, dass Führung entscheidend ist – auch in der Pflege. Früher war ich selbst Führungskraft, und ich sage immer: Der Fisch stinkt vom Kopf. Wenn die Leitung nicht stimmt, merken das alle. Aber hier ist es anders. Man begegnet sich mit Respekt, und man spürt, dass die Menschen ihren Beruf gern machen. Reisen, Erinnerungen und ein Stück Gemeinschaft Natürlich ist Pflege teuer. Wenn wir unser Haus nicht verkauft hätten, könnten wir uns das nicht leisten. Nach 36 Monaten gibt es Zuschüsse, das hilft. Aber viele Menschen schaffen das nicht. Ich finde, jeder sollte im Alter gut versorgt sein, ohne Angst vor den Kosten haben zu müssen. Ich weiß, dass ich Glück gehabt habe – beruflich und privat.
Ich war auf allen fünf Kontinenten unterwegs, habe für Hapag-Lloyd gearbeitet und Incentive-Reisen organisiert. Das war mein Traumjob. Ich durfte die Welt sehen – Brasilien, Australien, Bali, die Iguazú-Wasserfälle. Den ersten Airbus-Charterflug über den Südatlantik habe ich mit organisiert. Meine Frau durfte bei einigen Reisen dabei sein. Das war eine wunderbare Zeit. Heute bin ich froh, dass ich etwas davon weitergeben kann. Ich zeige hier im Haus ab und zu Filme von meinen Reisen. Ich habe sie selbst aufgenommen, mit Musik unterlegt und kommentiert. Wenn es draußen dunkel wird, sitzen wir zusammen und sehen uns die Bilder an – Palmen, Wasserfälle, Tänze, Menschen aus aller Welt. Dann erzählen die anderen auch von früher, und für einen Moment sind wir alle woanders.
Ich komme gern hierher. Nicht nur wegen meiner Frau, sondern weil ich weiß, dass hier etwas gelingt, was anderswo oft fehlt: dass Menschen füreinander da sind. Ich wünsche mir, dass das so bleibt – dass Pflege nicht nur eine Dienstleistung ist, sondern ein Miteinander. Das ist, glaube ich, das Wichtigste.
Text: Julia Meyer-Hermann, Fotos: Christian Degene/AWO