Austausch zwischen Leitungskräften der AWO Region Hannover und Politiker*innen in der AWO Residenz Sehnde (von links): Dirk von der Osten, Vorstandsvorsitzender der AWO Region Hannover, Sehndes Bürgermeister Olaf Kruse, Pflegedienstleiterin Dana Kauffmann, Dr. Silke Lesemann, AWO Präsidentin und Sehnder SPD-Landtagsabgeordnete, Andrea Gaedecke, Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Sehnde, Daniela Busche, SPD-Bürgermeisterkandidatin in Sehnde, Eva Bender, SPD-Kandidatin für das Amt der Regionspräsidentin, Carolin Stolle, AWO Fachbereichsleiterin Pflege und Wohnen im Alter, und Einrichtungsleiter Vitali Brozmann.

Pflege zwischen Anspruch und Alltag

Fachgespräch in der AWO Residenz Sehnde mit Vertretern aus Politik und Kommune

Region Hannover/Sehnde.  Pflegepolitische Debatten wirken oft theoretisch – in der Praxis zeigen sich ihre Auswirkungen unmittelbar im Alltag. In der AWO Residenz Sehnde ging es jetzt bei einem Fachgespräch sehr konkret zu: Im Mittelpunkt standen belastete Angehörige, zunehmend komplexe Versorgungsbedarfe und die Frage, wie viel Spielraum das neue Pflegegesetz tatsächlich eröffnet. Eigentlich sollte Andreas Philippi an dem Austausch teilnehmen. Der niedersächsische Sozialminister musste jedoch aus terminlichen Gründen kurzfristig absagen. Das Fachgespräch fand statt mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Kommune sowie Leitungskräften der AWO Region Hannover.

 Zu Beginn führte die Einrichtungsleitung durch das Haus in der Achardstraße – vorbei an Wohnbereichen und einer Fotoausstellung, die die Entwicklung vom früheren Industriestandort zur heutigen Pflegeeinrichtung zeigt. Der Blick zurück bildete dabei einen stillen Kontrast zu dem, was später im Gespräch geschildert wurde: wie stark sich die Pflege in den vergangenen Jahren verändert hat. „Früher hatten wir Bewohnerinnen und Bewohner, die fünf Jahre oder länger hier gelebt haben“, berichtete Einrichtungsleiter Vitali Brozmann. „Jetzt erleben wir immer häufiger, dass Menschen nur noch für kurze Zeit kommen – manchmal tatsächlich nur noch zum Sterben.“

 Die Zahlen sind das eine, die Situationen dahinter das andere. Immer öfter beginne der Kontakt mit einem Anruf aus dem Krankenhaus. Ein Sturz, ein Bruch, eine 91-Jährige, die nicht mehr allein zurechtkommt. „Dann heißt es: Was machen wir jetzt?“, sagte Carolin Stolle, AWO Fachbereichsleitung Pflege und Wohnen im Alter. Für Angehörige beginne in diesem Moment eine Odyssee aus Anträgen, Pflegegraden und Zuständigkeiten. „Die meisten wissen gar nicht, was ihnen zusteht. Kurzzeitpflege? Verhinderungspflege? Entlastungsbetrag? Da stehen erst mal große Fragezeichen.“

 Was nach Verwaltung klingt, ist für die Betroffenen existenziell. Wer zahlt was? Wie lange reicht das Geld? „Manche haben Angst vor der Refinanzierung“, berichtete Vorstandsvorsitzende Dirk von der Osten. „Andere sagen: Ein Pflegeheim, das ist doch das Schlimmste überhaupt.“ Das Bild der stationären Pflege sei in Teilen der Gesellschaft noch immer negativ besetzt. Gleichzeitig würden die Fälle, die schließlich in den Einrichtungen ankommen, immer anspruchsvoller. „Die Menschen bleiben so lange wie möglich zu Hause. Wenn sie kommen, brauchen sie eine entsprechend hohe pflegerische Aufmerksamkeit“, erklärte Stolle.

 Hinzu kommt die emotionale Belastung. Wenn Bewohnerinnen und Bewohner erst in der letzten Lebensphase einziehen, verdichte sich alles: Ärzte, Therapeutinnen, Angehörige – „alle prasseln auf die Einrichtung ein“, beschrieb Brozmann die Situation. Viele Familien seien mit dem Sterbeprozess überfordert. „Wir beraten sehr viel.“

Eva Bender, Kandidatin für das Amt der Regionspräsidentin, brachte eine persönliche Perspektive ein. Sie schilderte, wie sie selbst eine Pflegesituation in der Familie organisiert habe – und wie hilfreich eine kompetente Beratung dabei gewesen sei. „Ich bin damals zum Pflegestützpunkt gegangen und habe gesagt: ‚Das ist eine neue Situation; ich brauche jetzt eine komplette Beratung‘“, berichtete sie. Von Informationen zum Badumbau über Anträge bis hin zu konkreten Leistungsansprüchen habe sie dort strukturierte Unterstützung bekommen. „Das war hervorragend.“ Gleichzeitig machte sie deutlich, dass viele Menschen diese Hürde gar nicht erst nähmen. „Wenn man niemanden hat, der einen da durchführt, ist das eine riesige Herausforderung.“ Im Verlauf der Diskussion lenkte Dr. Silke Lesemann, Präsidentin der AWO Region Hannover und SPD-Landtagsabgeordnete aus Sehnde, den Blick nach vorn. „Was braucht es?“, fragte sie in die Runde. Reiche es aus, an einzelnen Stellschrauben zu drehen – oder brauche es grundlegend andere Strukturen zwischen ambulanter Versorgung, stationärer Pflege und ärztlicher Betreuung? Lesemann sprach sich dafür aus, stärker in sektorenübergreifenden Lösungen zu denken und Hürden zwischen den Systemen abzubauen. Wenn Beratung, medizinische Versorgung und pflegerische Kompetenz enger verzahnt würden, könne das Einrichtungen entlasten und Familien früher unterstützen.

 Ein wiederkehrendes Stichwort des Abends lautete: Sektorengrenzen. Die Trennung zwischen ambulanter, stationärer und ärztlicher Versorgung erschwere flexible Lösungen. „Wir sind oft in dieser Situation, weil die Menschen nicht wissen, wohin und wann“, erklärte Stolle. Eigentlich brauche es niedrigschwellige Angebote, Beratung im Quartier, Pflegekompetenz, die früher ansetzt. „Warum verstehen wir ein Pflegeheim nicht stärker als Teil einer Nachbarschaft?“ Mit dem Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege, kurz BEEP, verbindet sich in der Branche Hoffnung. Pflegefachkräfte sollen künftig mehr Kompetenzen erhalten, etwa bei bestimmten Verordnungen. „Im Moment brauchen wir für jedes Rezept einen Hausarzt“, erklärte Brozmann. Kompressionsstrümpfe, Inkontinenzmaterial, Dauermedikation – alles müsse ärztlich abgezeichnet werden. „Dabei haben wir hier Fachkräfte mit jahrelanger Erfahrung. Die können das einschätzen.“

Doch zwischen gesetzlichem Anspruch und praktischer Umsetzung klaffe noch eine Lücke. „Es hängt ein riesiger bürokratischer Rattenschwanz dahinter“,so Stolle. Wer darf was, wie lange, in welchem Rahmen? Und vor allem: Wer bezahlt es? Leistungen nach Sozialgesetzbuch V, also Krankenversicherung, und nach Sozialgesetzbuch XI, also Pflegeversicherung, seien strikt getrennt. „Diese Sektoren sind so stark. Wir dürfen das eine nicht abrechnen, weil es das andere ist.“ Außerdem ist der Fachkräftemangel in Sehnde ebenso spürbar wie anderswo. „Wir hatten früher sechs bis acht Auszubildende gleichzeitig“, sagte Brozmann. „In den letzten Jahren waren es deutlich weniger.“ Corona habe für einen Umbruch gesorgt, viele hätten die Branche verlassen. Wer heute unzufrieden sei, finde schnell eine neue Stelle. „Es reicht nicht mehr, Leute zu gewinnen. Wir müssen sie binden.“

Ein Baustein ist dabei auch die sogenannte Nichtschülerprüfung. Dabei können Pflegehilfskräfte oder langjährig Tätige ohne klassische dreijährige Ausbildung durch eine Prüfung einen anerkannten Abschluss erwerben. „Wir hatten jetzt 18 Nichtschüler, die ihre Prüfung abgelegt haben“, so von der Osten. Diese Qualifizierung sei auch mit Blick auf das neue Personalbemessungsgesetz wichtig. „Wir brauchen diese Personen mit einer bestimmten Qualifikation. Das ist kein ‚nice to have‘, das ist Pflicht.“ Die Prüfungen eröffneten engagierten Mitarbeitenden Aufstiegsmöglichkeiten – gleichzeitig entlasteten sie die Einrichtungen strukturell. Um den Bedarf weiter zu decken, bietet die AWO zudem einen weiteren Vorbereitungskurs an, der in Kürze startet. „Wir investieren bewusst in diese Wege, weil wir die Leute hier haben, die sich entwickeln wollen“, so Stolle.

Dabei habe sich das Image der Bezahlung gewandelt. „Es stimmt nicht mehr, dass Pflege schlecht bezahlt wird“, betonte von der Osten. Die Vorgaben zur tariflichen oder duchschschnittlichen Entgelten habe die Gehälter spürbar steigen lassen. Vor dieser Entwicklung zögen viele junge Menschen Krankenhäuser vor. „Da verdiente man ein bisschen mehr.“ Gleichzeitig berichteten Verantwortliche von positiven Erfahrungen: Auszubildende, die ein Praktikum in der Langzeitpflege absolvieren, entschieden sich nicht selten bewusst für diesen Bereich. „Die merken, wie Pflege auch sein kann, wenn Zeit für Beziehungsarbeit ist, die oft im Krankhaus zu kurz kommt.“

Ein weiteres Hindernis im ländlicheren Raum sei Wohnraum. Während es in Hannover leichter falle, Nachwuchs zu gewinnen, sei es in Sehnde und im ländlichen Raum schwieriger, bezahlbare Wohnungen für Auszubildende oder Fachkräfte zu finden. „Über ein Azubi-Wohnheim wollen wir nachdenken “, so von der Osten. „Es spräche vieles dafür, so etwas in mehreren Orten der Region zu haben“, sagte Bender und wies auch für die notwendige Unterstützung junger Auszubildenden hin.

 Am Ende wurde deutlich, dass die Verantwortlichen der AWO den Dialog mit Politik und Kostenträgern aktiv suchen – auch mit Blick auf Modellprojekte, neue Kooperationsformen und mehr Vertrauen in die Kompetenz der Pflegefachkräfte. „Wir haben hier die Fachkompetenz“, sagte Stolle. „Wir könnten starten.“

Text & Fotos: Christian Degener/AWO

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