Region Hannover. Was bedeutet Pflege – für diejenigen, die sie brauchen, für Angehörige und für die, die sie täglich leisten oder organisieren? Und welche Herausforderungen gibt es hinsichtlich der Personalgewinnung und der Finanzierung? Teil 4: Interview mit Carolin Stolle, Leiterin des Fachbereichs Pflege und Wohnen im Alter bei der AWO Jugend- und Sozialdienste gGmbH, einer Tochtergesellschaft der AWO Region Hannover.
Carolin Stolle hat Soziale Arbeit studiert und ist seit vielen Jahren bei der AWO tätig. Sie bezeichnet sich selbst als „AWO-Kind“: Schon ihr Anerkennungspraktikum absolvierte sie in der Seniorenarbeit. Danach folgten immer neue Aufgaben – vom Hausnotrufprojekt „AktiWO“ über die Verwaltungsleitung im ambulanten Pflegedienst und Recruiterin für den Fachbereich bis hin zu ihrer heutigen Position als Fachbereichsleitung und Prokuristin.
Wenn Sie unser Pflegesystem in einem Satz beschreiben müssten: Was ist das größte Problem?
Das größte Problem ist die demografische Entwicklung. Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt stark an – ihren Höhepunkt erwarten wir um 2035. Gleichzeitig basiert die Pflegeversicherung noch immer auf Strukturen der 1990er-Jahre, die den heutigen Bedarfen nicht gerecht werden. Kurz gesagt: Es gibt zu wenig Geld für zu viele Menschen. Und nötige Reformen, die eventuell unbequem sind, werden nicht angegangen.
Welche Herausforderungen zeigen sich aktuell im Bereich „Pflege und Wohnen“?
Die tägliche Herausforderung ist der Arbeitskräftemangel. Ich sage bewusst „Arbeitskräfte“, weil es generell schwer ist, Menschen zu gewinnen und zu halten – nicht nur Fachkräfte. Für die kommenden Jahre brauchen wir deutlich mehr Personal, doch die nachkommenden Generationen reichen dafür zahlenmäßig nicht aus, wenn man die Renteneintritte der kommenden Jahre betrachtet. Zudem werden Pflegesituationen immer komplexer. Die Menschen kommen heute später und in einem deutlich schlechteren Gesundheitszustand ins Pflegeheim. Sie haben mehr und schwerere Diagnosen und brauchen intensivere Betreuung. Früher lag die durchschnittliche Verweildauer bei vier bis fünf Jahren, inzwischen sinkt sie – manchmal ziehen Menschen wirklich nur noch zum Sterben ein. Das stellt unsere Einrichtungen vor zusätzliche Herausforderungen.
Welche Auswirkungen haben die steigenden Eigenanteile auf Pflegebedürftige und ihre Angehörigen?
Dazu muss man festhalten, dass die meisten Pflegebedürftigen zuhause versorgt werden. Steigende Kosten führen aber dazu, dass viele weniger Leistungen in Anspruch nehmen oder ganz auf Unterstützung verzichten. Pflegebedürftigkeit bedeutet zunehmend auch ein Armutsrisiko. Wenn man von einem mittleren Einkommen ausgeht – etwa 1.300 Euro bei Frauen und 1.800 Euro bei Männern* – stehen dem Eigenanteile in stationären Einrichtungen von über 3.000 Euro gegenüber. Dauerhaft kann das kaum jemand bezahlen. Deshalb steigt die Zahl der Menschen, die Sozialhilfe beantragen müssen. Viele Betroffene schämen sich jedoch beziehungsweise zögern, solche Leistungen zu beantragen. Sie versuchen, mit dem vorhandenen Pflegegeld ihre Rente aufzubessern, verzichten aber auf notwendige Unterstützung. Oft sagen sie dann: „Einmal pro Woche duschen reicht“ oder „abends brauche ich niemanden“. Die Folge: Unterversorgung, Vereinsamung und eine Verschlechterung der Pflegesituation, die schließlich zu einem Heimaufenthalt führt. Besonders im ambulanten Bereich zeigt sich die Komplexität: Reicht ein Pflegegrad nicht aus, wird sofort geprüft, ob ein höherer vorliegt. Einzelfalllösungen durch Sozialämter sind sehr reglementiert. So fallen Menschen in Versorgungslücken. Mit etwas zusätzlicher Unterstützung könnten sie länger zuhause bleiben – doch diese Hilfe ist oft nicht finanzierbar.
Wie beeinflusst die allgemeine Finanzierungslage die Qualität der Pflege?
Grundsätzlich haben wir eine hohe Qualität, wie auch unsere regelmäßigen MD-Prüfungen belegen. Aber die Anforderungen wachsen ständig: Digitalisierung, Telematik- Infrastruktur, elektronische Patientenakte – das alles müssen wir bereitstellen, während Ärztinnen und Ärzte teilweise noch gar nicht so weit sind. Diese Zusatzaufgaben binden Ressourcen, die eigentlich in die Pflege fließen sollten.
Wie steht es um die Refinanzierung von Personal und Qualitätssicherung?
Man muss zwischen diesen Bereichen unterscheiden:
Stationär: Die Refinanzierung ist grundsätzlich möglich, aber sehr komplex. Im Rahmen der Landesrahmenverträge können wir beispielsweise unsere Personalkosten verhandeln. Jede Tarifsteigerung führt jedoch zu steigenden Pflegesätzen – und am Ende zahlt der Pflegebedürftige. Vielen Angehörigen ist das gar nicht bewusst. Bei einem Gespräch fragte kürzlich jemand: „Warum ist das eigentlich alles so teuer?“ – die Antwort ist: Qualität kostet, und sie wird über die Eigenanteile mitfinanziert.
Ambulant: Hier ist die Situation viel schwieriger. Personalkosten sind gedeckt, aber der gesamte organisatorische Aufwand und die Fahrtkosten nicht. Wenn sich beispielsweise eine ärztliche Anordnung ändert, müssen wir dafür Sorge tragen, dass die Änderung beim Pflegebedürftigen auch ankommt: Formulare, Apotheke, Unterschriften. Wir fahren dafür ziemlich viel durch die Gegend – solche Kosten werden nicht ausreichend berücksichtigt. Das macht den Betrieb eines ambulanten Dienstes wirtschaftlich extrem herausfordernd.
Teilstationär (Tagespflege): Ein wichtiges Angebot zur Entlastung pflegender Angehöriger. Doch auch hier sind beispielsweise die Fahrtkosten nicht auskömmlich finanziert. Außerdem müssen Unterkunft und Verpflegung von den Pflegebedürftigen selbst gezahlt werden – rund 300 Euro im Monat bei zehn Tagen Nutzung. Viele können sich das nicht leisten und verzichten auf diesen wichtigen Baustein der häuslichen Versorgung.
Wie gehen die Einrichtungen mit dem Spagat zwischen Fachkräftemangel, steigenden Kosten und hohen Erwartungen an gute Pflege um?
Unsere Stärke liegt im Personalmanagement. Einrichtungs-, Pflege- und Wohnbereichsleitungen arbeiten eng mit ihren Teams zusammen, setzen auf gute Kommunikation und flexible Modelle. Elternfreundliche Dienste oder kurzfristige Anpassungen sind bei uns selbstverständlich. Wichtig ist auch der Austausch untereinander und die tarifliche Bezahlung, die für Zufriedenheit sorgt. Wir können mit Stolz sagen, dass wir stabile Teams haben – viele Mitarbeitende bleiben lange bei uns. Das spricht für die Qualität und die guten Rahmenbedingungen.
Welche Rolle spielt die Finanzierung bei der Gewinnung und Bindung von Pflegekräften – gerade in einem angespannten Arbeitsmarkt?
Eine solide Finanzierung ist Grundlage für attraktive Arbeitsbedingungen und tarifliche Entlohnung. Dazu kommt, dass viele Menschen bewusst zur AWO gehen, weil sie unsere Werte teilen: Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Toleranz. Wir sind offen für alle Menschen und bieten unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Freiraum. Viele Mitarbeitende, die in der Altenpflege bei uns arbeiten, tun das bewusst und sehr gerne. Sie haben oft eine starke Verbindung zu den Bewohnerinnen und Bewohnern und zu ihren Kolleginnen und Kollegen.
Was müsste politisch passieren, damit sich die Finanzierung der Pflege grundlegend verbessert und Pflege für alle bezahlbar bleibt?
Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Alle wissen, dass die finanzielle Ausstattung in der Pflege unzureichend ist – und in den kommenden 10 bis 15 Jahren werden die geburtenstarken Jahrgänge zusätzlich in dieses ohnehin schon angespannte System drängen. Dabei sind wesentliche Punkte bereits länger von Expertinnen und Experten diskutiert. Die wichtigsten Ideen aus meiner Sicht sind folgende:
• Eine (Pflege)Bürgerversicherung: Das heißt, eine Pflegeversicherung für alle, statt der Trennung in gesetzlich und privat. So wird gewährleistet, dass auch gerade die einkommensstärkeren Haushalte in ein System einzahlen. Denkbar wäre das im Übrigen auch für die Krankenversicherung. Damit hätte man die Chance im Gesundheitsbereich endlich die Zwei-Klassengesellschaft zu überwinden.
• Übernahme der Investitionskosten seitens der Länder: Das würde Betroffene um 300 bis 400 Euro monatlich entlasten und entspräche einem Pflegewohngeld, das in Niedersachsen bis 2007 existierte.
• Sockel-Spitze-Tausch: Feste Eigenanteile für Pflegebedürftige, während Mehrkosten von den Kostenträgern übernommen werden – aktuell ist es umgekehrt.
Wie stellen Sie sich eine gerechte, zukunftsfähige Pflege in zehn Jahren vor?
Eine zukunftsfähige Pflege darf nicht länger in starren Sektoren wie ambulant, stationär oder teilstationär gedacht werden. Viele Menschen benötigen flexible, auf ihre Lebenssituation abgestimmte Kombinationen aus verschiedenen Unterstützungsformen. Dafür braucht es eine stärker vernetzte und ganzheitlich organisierte Pflege mit wohnortnahen Strukturen, niedrigschwelligen Angeboten und gut koordinierter Begleitung. Ein gelungenes Beispiel ist das Modell der Community Nurse: Fachkräfte, die direkt im Quartier ansprechbar sind, den Unterstützungsbedarf einschätzen, Hilfen koordinieren und auch präventiv tätig werden. Mit solch passgenauer Unterstützung lässt sich der Wunsch vieler Pflegebedürftiger erfüllen, möglichst lange selbstbestimmt zuhause zu leben.
Auch die stationäre Pflege sollte sich stärker für den Stadtteil öffnen dürfen. Pflegeheime könnten nicht nur Wohnort für Pflegebedürftige sein, sondern zugleich Anlaufstellen für Menschen aus dem Quartier: Wer etwa einen Verband wechseln lassen muss oder eine pflegerische Kleinleistung benötigt, sollte dies auch in einer stationären Einrichtung erhalten können – ohne gleich dort einzuziehen. Oder unkompliziert am Mittagessen teilnehmen oder an den Angeboten der Sozialen Betreuung. So würden Pflegeheime zu einem Teil der lokalen Versorgung und besser in die Nachbarschaft eingebunden.
Ein ganz wichtiger Punkt sind die pflegenden Angehörigen. Sie tragen den größten Teil der Versorgung in Deutschland und brauchen mehr echte Entlastung, Anerkennung und Unterstützung. Besonders betroffen sind Frauen: Sie übernehmen häufig die Pflege von Angehörigen, reduzieren ihre Erwerbstätigkeit und erhalten später eine geringere Rente. Pflege darf nicht länger zu Altersarmut führen. Tagespflege, Kurzzeitpflege oder niedrigschwellige Hilfen müssen deshalb finanziell tragbar sein. Vor allem aber müssen sie unkompliziert erreichbar sein. Das Leistungsrecht ist mittlerweile so komplex geworden, dass es Laien kaum erklärbar ist.
Bürokratieabbau ist hier das Stichwort. Wenn Angehörige ausfallen, geraten alle Strukturen ins Wanken. Für Mitarbeitende braucht es Rahmenbedingungen, die gute Pflege ermöglichen: Ressourcen, um ausreichend Personal gewinnen zu können, weniger Bürokratie und echte Wertschätzung. Digitalisierung sollte so gestaltet sein, dass sie die Arbeit erleichtert, statt zusätzlichen Druck aufzubauen. Wenn es gelingt, Pflege menschlich, professionell und fair zu finanzieren, schaffen wir eine Zukunft, die sowohl den Pflegebedürftigen als auch den Mitarbeitenden Perspektiven gibt. Aber das alles setzt Vertrauen voraus: Vertrauen der Kostenträger in die Leistungserbringer. Im Moment habe ich eher das Gefühl, dass wir uns da oftmals konfrontativ gegenüberstehen. Pflege muss als öffentliche Daseinsvorsorge verstanden werden.
Text: Gaby Kujawa, Foto: Christian Degener/AWO