„Die Diagnose war ein Schock“

Stefanie E. hat eine psychische Erkrankung und arbeitet als Zuverdienstlerin im Café Marie

Menschen mit psychischen Erkrankungen sind oftmals nicht in der Lage, dem Druck der Arbeitswelt standzuhalten. Die Zuverdienstprojekte der AWO Region Hannover sollen ihnen helfen, sich in die Arbeitswelt gemäß ihrer Möglichkeiten zu integrieren und dadurch am Arbeitsleben teilzuhaben. Stefanie E. (Sternchen) aus Hannover arbeitet seit vier Jahren als Zuverdienstlerin im Café Marie der AWO in Laatzen. Die heute 35-Jährige erkrankte kurz nach dem Abitur an Schizophrenie und verbrachte viele Jahre in psychiatrischen Einrichtungen – heute geht es ihr besser, sie arbeitet an vier Tagen pro Woche im Café und lebt wieder in einer eigenen Wohnung.

Sie hatte gerade ihr Abitur gemacht, als sie merkte, dass etwas mit ihr nicht stimmt. „Mir wurde plötzlich alles zu viel und ich war reizüberflutet. Außerdem hatte ich mich verliebt und konnte mit meinen Gefühlen nicht umgehen“, erzählt Stefanie E. Hinzu kamen starke Ängste und das Gefühl, für alles verantwortlich zu sein. Liebesgefühle machten ihr ebenso Angst wie schlechte Nachrichten im TV. „Ich habe alles auf mich bezogen.“ Irgendwann sei der körperliche und psychische Druck so groß geworden, dass sie beschloss, sich Hilfe zu holen. In der Medizinischen Hochschule Hannover bekam sie die Diagnose Schizophrenie. „Das war ein großer Schock“, erinnert sich die 35-Jährige.

Dennoch habe sie sich nicht unterkriegen lassen wollen und begann eine Ausbildung als Diätassistentin. Doch der Druck in ihr stieg wieder und übermannte sie: Nach mehreren Klinikaufenthalten musste sie die Ausbildung abbrechen. Sie versuchte, in einer Tagesklinik Fuß zu fassen. „Ich hatte psychotische Schübe“, sagt E. Als es ihr wieder etwas besser ging, unternahm sie einen weiteren Versuch, eine berufliche Laufbahn zu starten: mit einer Ausbildung zur Veterinärmedizinisch-technischen Assistentin an der Tiermedizinischen Hochschule Hannover. Doch es ging nicht. „Ich wurde wieder krank und kam in die Psychiatrie in Langenhagen, wo mir geraten wurde, in ein Wohnheim zu ziehen“, erinnert sich E. Sie zog ins AWO Wohnheim Nordfelder Reihe, wo volljährige Männer und Frauen betreut werden, die aufgrund einer psychischen Erkrankung an einer seelischen Behinderung leiden. „Ich beschloss, mich fortan weniger unter Druck zu setzen und kleinere Brötchen zu backen“, sagt E.

Vor vier Jahren bot sich dann die Chance, im neu eröffneten Café Marie der AWO Region im Laatzener Stadthaus zu arbeiten. Das Besondere: Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen arbeiten hier in einem von der Region Hannover geförderten Zuverdienstprojekt zusammen in einem Team mit gastronomischen Fachkräften- und Hilfskräften. E. arbeitet an vier Tagen pro Woche insgesamt 10,25 Wochenstunden und fühlt sich gut aufgehoben. „Wir betonen hier nicht die Schwächen, sondern gehen auf die Stärken der einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein“, sagt Elke Priewe, die das Café leitet. E. mag die praktischen Tätigkeiten. „Früher, vor meiner Erkrankung, konnte ich sogar noch abends Hausaufgaben machen – heute brauche ich praktische Arbeit“, sagt E. Ihr Job im Café Marie und die Arbeit mit und an Menschen gebe ihr Stabilität. „Wir werden in die Gesellschaft integriert, das gibt Selbstvertrauen“, sagt sie. Sie lebt jetzt wieder selbstständig in einer eigenen Wohnung. „Meine Krankheit ist zwar immer im Hintergrund präsent, aber ich kann hier meinen Job machen wie alle anderen, die eine solche Krankheit nicht haben“, sagt E.

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