Die VR-Brillen wurden neugierig betrachtet, aufgesetzt – und dann ging es auf Reisen.

Wenn Gedanken auf Reise gehen: AWO startet VR-Brillen-Projekt für Seniorinnen und Senioren

AWO Jugend- und Sozialdienste gGmbH bringt mit Unterstützung der Techniker Krankenkasse virtuelle Reiseerlebnisse in die Pflege – Auftakt in zwei Einrichtungen stößt auf große Resonanz

Region Hannover/Sehnde. Einmal zurück an die Ostsee. Über die Kreidefelsen von Rügen blicken, das Meer sehen, vielleicht den Wind fast wieder spüren. Oder noch weiter weg: unter Wasser mit Delfinen schwimmen, zwischen Korallen und Lichtreflexen. Für viele ältere Menschen in stationären Pflegeeinrichtungen sind solche Reisen im Alltag kaum noch möglich. In der AWO Residenz Sehnde und dem AWO ServiceHaus Bolzum der AWO Jugend- und Sozialdienste gGmbH sollen solche Erlebnisse nun trotzdem wieder näher rücken – mit Hilfe von Virtual Reality.

Unter dem Titel „Wenn Gedanken auf Reise gehen“ ist jüngst ein neues Präventionsprojekt gestartet, das Bewohnerinnen und Bewohnern virtuelle Reiseerlebnisse ermöglicht und diese mit biografischer Erinnerungsarbeit verbindet. Gefördert wird das einjährige Projekt von der Techniker Krankenkasse. Umgesetzt wird es gemeinsam mit dem Anbieter Wemento GmbH. Beim Auftakt in der AWO Residenz Sehnde zeigte sich schnell, dass neue Technik keine Hemmschwelle sein muss. Die VR-Brillen wurden neugierig betrachtet, aufgesetzt – und dann ging es los. Während einige Bewohnerinnen und Bewohner virtuell an die deutsche Küste reisten, tauchten andere in ferne Landschaften ein oder erlebten eine Unterwasserwelt mit Delfinen. Die Reaktionen waren unmittelbar: Lächeln, Staunen, erste Gespräche. „Das war schön“, sagte eine Bewohnerin nach ihrer virtuellen Reise. Andere erzählten direkt von eigenen Urlaubserinnerungen, von früheren Fahrten ans Meer oder von Orten, die sie lange nicht mehr gesehen hatten. „Genau diese Reaktionen wünschen wir uns“, sagte Ann-Christin Ullrich, Präventionsberaterin bei der Wemento GmbH, die den Auftakt gemeinsam mit ihrem Kollegen Maximilian Eifert begleitete. „Es geht nicht darum, einfach nur eine VR-Brille aufzusetzen. Es geht darum, Erlebnisse zu schaffen, die etwas auslösen: Freude, Erinnerungen, Gespräche und manchmal auch den Wunsch, von früher zu erzählen.“

Die virtuelle Reise ist dabei nur der erste Schritt. Im Anschluss werden die Eindrücke aufgegriffen: Was wurde gesehen? Woran erinnert der Ort? Gab es früher eigene Reisen ans Meer, in die Berge oder in andere Länder? Wer war dabei? Welche Bilder, Geräusche oder Gefühle tauchen wieder auf? Auf diese Weise verbindet das Projekt moderne Technik mit biografischer Erinnerungsarbeit, der sogenannten Reminiszenzarbeit. „Reisen ist für viele Menschen mit sehr positiven Gefühlen verbunden“, erklärte Ullrich. „Viele Bewohnerinnen und Bewohner können heute nicht mehr einfach verreisen. Mit der VR-Brille können wir diese Eindrücke in die Einrichtung holen und anschließend gemeinsam daran anknüpfen.“ Besonders wichtig sei dabei der Austausch in der Gruppe: „Wenn jemand von einem Urlaubsort erzählt, kommen oft auch bei anderen Erinnerungen hoch. So entstehen Gespräche, die sonst vielleicht gar nicht begonnen hätten.“

Auch Maximilian Eifert unterstützte die Bewohnerinnen und Bewohner beim Ausprobieren der Brillen, erklärte die Handhabung und achtete darauf, dass sich alle sicher fühlten. Die Technik wurde dabei bewusst niedrigschwellig eingesetzt. Wer zunächst zögerte, konnte erst einmal zuschauen. Wer neugierig war, durfte direkt starten. Schon nach kurzer Zeit war zu beobachten, wie die Teilnehmenden einander von ihren Eindrücken berichteten. Für Vitali Brozmann, Einrichtungsleiter der AWO Residenz Sehnde, war der Auftakt ein ermutigendes Signal. „Unser Ziel war es, das Angebot für unsere Bewohnerinnen und Bewohner noch einmal zu erweitern und ihnen mehr Erlebnisse zu ermöglichen“, sagte Brozmann. „Wir möchten, dass sie mehr erleben, Freude haben und miteinander ins Gespräch kommen.“

Vor dem ersten Termin sei noch offen gewesen, wie das Angebot angenommen werde. „Vor dem Termin war ich gespannt, wie groß das Interesse sein würde und wie gut das Angebot ankommt“, sagte Brozmann. „Nach dem, was wir gesehen haben, verspricht uns das sehr viel.“ Die ersten Eindrücke hätten gezeigt, dass sich mit dem Projekt in kurzer Zeit viel bewegen lasse. „Wir hoffen, dass diejenigen, die dabei waren, auch anderen davon erzählen und wir viele aktivieren können, diese Möglichkeit auszuprobieren und davon zu profitieren.“

Brozmann sieht in dem Projekt vor allem eine Erweiterung des Alltagsangebotes in der Einrichtung. „Es geht darum, unseren Bewohnerinnen und Bewohnern zusätzliche Möglichkeiten zu geben“, sagte er. „Sie sollen etwas erleben können, das Freude macht und gleichzeitig Gespräche anregt. Wenn daraus mehr Austausch entsteht, ist das für das Leben in der Einrichtung sehr wertvoll.“ Alina Zerbe, stellvertretende Fachbereichsleitung Pflege und Wohnen im Alter bei der AWO Jugend- und Sozialdienste gGmbH, ordnet das Projekt ebenfalls als wichtigen Baustein für Teilhabe und Wohlbefinden ein. „Für uns ist entscheidend, dass die Bewohnerinnen und Bewohner nicht nur versorgt werden, sondern ihren Alltag als lebendig und anregend erleben“, sagte Zerbe. „Das Projekt schafft dafür neue Impulse. Es verbindet Erinnerungen, soziale Kontakte und positive Erlebnisse auf eine sehr zugängliche Weise.“ Gerade in der Pflege sei es wichtig, Angebote zu schaffen, die an die Lebensgeschichte der Menschen anknüpfen. „Biografiearbeit ist ein wichtiger Bestandteil guter Pflege und Betreuung“, sagte Zerbe. „Wenn Menschen von früher erzählen, von Reisen, Begegnungen oder besonderen Orten, dann geht es immer auch um Identität. Diese Erinnerungen gehören zu ihnen. Das Projekt hilft dabei, solche Erinnerungen wachzuhalten und miteinander zu teilen.“

Zerbe betonte, dass digitale Technik in diesem Zusammenhang kein Selbstzweck sei. „Die VR-Brille ersetzt keine persönliche Zuwendung“, sagte sie. „Aber sie kann ein Türöffner sein. Sie kann Erinnerungen anstoßen, Neugier wecken und Gespräche ermöglichen. Genau darin liegt der Wert dieses Projektes.“ Die ersten Reaktionen der Bewohnerinnen und Bewohner hätten gezeigt, wie niedrig die Schwelle sein könne, wenn die Technik gut begleitet werde. „Viele Seniorinnen und Senioren sind offener für neue Technik, als man manchmal vermutet“, sagte Zerbe. „Beim Auftakt war sehr schön zu sehen, dass die Bewohnerinnen und Bewohner neugierig waren und sich auf das Erlebnis eingelassen haben.“

Das Projekt „Wenn Gedanken auf Reise gehen“ richtet sich an pflegebedürftige Menschen in der stationären und teilstationären Pflege. Es nutzt virtuelle 360-Grad-Videos, um Reiseeindrücke erlebbar zu machen, und verbindet diese mit systematischer Erinnerungsarbeit. Neben den VR-Reiseerlebnissen gehören auch Reminiszenz-Gruppenangebote, Schulungen für Mitarbeitende und Angehörige sowie Begleitung und Beratung zur Umsetzung dazu. Damit soll das Projekt nicht nur einzelne besondere Momente schaffen, sondern nachhaltig in den Alltag der Einrichtungen hineinwirken. Mitarbeitende werden darin geschult, Erinnerungen aufzugreifen, Gespräche biografieorientiert zu begleiten und die Erfahrungen aus den virtuellen Reisen weiterzuführen. So können die Eindrücke aus der VR-Brille auch nach dem eigentlichen Termin weiterwirken – etwa in Gesprächsrunden, Einzelbegegnungen oder im Austausch mit Angehörigen.

„Nachhaltigkeit ist uns sehr wichtig“, sagte Ann-Christin Ullrich. „Die Reise mit der VR-Brille ist ein spannender Einstieg, aber besonders wertvoll wird es, wenn daraus Gespräche entstehen und die Erinnerungen weitergetragen werden – in der Gruppe, im Alltag der Einrichtung und auch im Kontakt mit Angehörigen.“ Die Ziele des Projekts sind vielfältig: Es soll positive Emotionen fördern, das persönliche Wohlbefinden und das Selbstwertgefühl stärken, soziale Teilhabe ermöglichen und kommunikative Fähigkeiten anregen. Zugleich geht es darum, die individuelle Identität der Bewohnerinnen und Bewohner durch biografieorientierte Erinnerungsarbeit zu erhalten. Beim Auftakt in Sehnde wurde genau das sichtbar. Nach den virtuellen Reisen wurde nicht nur über die Technik gesprochen, sondern vor allem über das, was sie ausgelöst hatte. Über Orte, die vertraut waren. Über frühere Urlaube. Über das Meer. Über Tiere. Über Erlebnisse, die lange zurücklagen und plötzlich wieder präsent wurden.

Auch Marie-Claire Hogrefe, Leitung des Zentralen Qualitätsmanagements der AWO Jugend- und Sozialdienste gGmbH sieht in dem Projekt großes Potenzial für die weitere Arbeit in den Einrichtungen. „Besonders wertvoll ist, dass wir auch Angehörige einbeziehen können“, sagte Hogrefe. „So können zum Beispiel frühere Urlaubsreisen gemeinsam mit den eigenen Kindern digital noch einmal erlebt werden.“ Während die Bewohnerinnen und Bewohner die VR-Brille tragen, können Mitarbeitende parallel auf einem Tablet sehen, wohin der Blick gerade fällt. „Dadurch lassen sich Gespräche sehr gut auf das lenken, was die Person in diesem Moment sieht“, erklärte Hogrefe. Die Informationen, die durch diese Form der Biografiearbeit entstehen, könnten auch über das einzelne Erlebnis hinaus wichtig werden. „Gerade bei Menschen mit Demenz können solche Erinnerungen, Gefühle und biografischen Hinweise eine große Hilfestellung im Alltag sein“, sagte Hogrefe. „Sie schaffen neue Möglichkeiten in der Beziehungsarbeit und können den Pflegealltag langfristig positiv beeinflussen.“ Praktisch sei zudem, dass die VR-Brille auch mit bestehenden Hilfsmitteln genutzt werden könne – etwa mit einer normalen Brille.

Für die AWO Jugend- und Sozialdienste gGmbH ist das Projekt ein Beispiel dafür, wie Innovation in der Pflege konkret aussehen kann: nah am Menschen, alltagsbezogen und mit Blick auf Lebensqualität. „Wir möchten Angebote schaffen, die Freude machen und gleichzeitig einen fachlichen Mehrwert haben“, sagte Zerbe. „Wenn Bewohnerinnen und Bewohner durch ein solches Erlebnis ins Erzählen kommen, wenn sie lachen, staunen oder sich erinnern, dann ist das ein Gewinn.“

Ermöglicht wird das Projekt durch die Förderung der Techniker Krankenkasse. Über die Laufzeit von einem Jahr können die beteiligten Einrichtungen das Angebot erproben, weiterentwickeln und in ihre Arbeit integrieren. Die ersten Erfahrungen lassen erwarten, dass die virtuellen Reisen gut angenommen werden. Die ersten virtuellen Reisen haben gezeigt, wie schnell Erinnerungen wieder lebendig werden können. Rügen, das Meer oder die Begegnung mit Delfinen waren für die Bewohnerinnen und Bewohner nicht nur Bilder in einer Brille, sondern Anlässe zum Staunen, Erzählen und Wiedererkennen. In den kommenden Monaten sollen noch viele solcher Reisen folgen – zu vertrauten Orten, zu neuen Zielen und immer wieder auch zurück zu eigenen Erinnerungen.

Zum Hintergrund:
Wemento – mentale Gesundheit beginnt im WIR: Die Wemento GmbH arbeitet präventiv für mentale Gesundheit und steht für die Vision, mentale Gesundheit als festen Bestandteil der Gesellschaft zu verankern. Dabei steht Wemento für eine neue Haltung gegenüber mentaler Gesundheit: systemisch, verantwortungsbewusst, mutig und gesellschaftlich relevant. Bei Wemento konzentriert man sich seit über zehn Jahren auf Organisationen in den Arbeitswelten Pflege- und Gesundheitsversorgung, Schule und Wirtschaft um psychische Stabilität von Menschen präventiv und strukturell nachhaltig zu verankern.

Text & Fotos: Christian Degener/AWO

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