Region Hannover/Lehrte. Ein Eisverkäufer traf auf eine Prinzessin, ein Stift wurde plötzlich zum Flugzeug und aus anfänglicher Zurückhaltung wurde lautes Lachen. Im Gruppenraum der AWO Migrationsberatung in Lehrte war an diesen beiden Ferientagen schnell zu spüren: Hier ging es um weit mehr als Theater. Es ging um Selbstvertrauen, Freundschaften und darum, Kindern in den Sommerferien einen Ort zu bieten, an dem sie einfach Kind sein konnten.
Acht Kinder im Grundschulalter nahmen jetzt an einem zweitägigen Theaterworkshop teil, den die AWO Region Hannover gemeinsam mit „stand2gether“ organisiert hatte. Das Angebot richtete sich an Kinder mit Flucht- und Migrationsgeschichte und war für die Familien kostenlos. Finanziert wurde das Projekt durch den Regionsfonds für Vielfalt und Teilhabe der Region Hannover. Schon nach kurzer Zeit verschwanden Berührungsängste. Die Kinder, die sich teilweise vorher gar nicht kannten und unterschiedliche Muttersprachen sprachen, spielten gemeinsam Szenen, erfanden Geschichten, malten ihre Fantasiefiguren und schlüpften in immer neue Rollen. Mal standen sie als Heldinnen und Helden auf einer imaginären Bühne, mal improvisierten sie Alltagssituationen oder dachten sich gemeinsam neue Welten aus.
Dass dabei Sprache nicht immer im Mittelpunkt stehen musste, war Teil des Konzepts. Theater lebt von Körpersprache, Gestik und Mimik – und schafft dadurch Zugänge, die unabhängig von Deutschkenntnissen funktionieren. „Wir organisieren inzwischen zum vierten Mal in den Sommerferien ein kreatives Ferienangebot für Kinder aus den Familien, die wir beraten“, erzählt Chantal Ihle, Flüchtlingssozialberaterin der AWO Region Hannover. „Uns war wichtig, dass das Angebot kostenlos und niedrigschwellig ist, damit wirklich jedes Grundschulkind teilnehmen kann. Viele Familien können sich in den Ferien keinen Urlaub leisten. Umso schöner ist es, wenn die Kinder trotzdem gemeinsam etwas erleben, neue Freundschaften schließen und einfach eine gute Zeit haben.“
Neben der Entlastung der Eltern verfolgte das Projekt ein pädagogisches Ziel. Theater eröffnete Kindern Möglichkeiten, Gefühle und Erlebnisse auszudrücken, auch wenn ihnen dafür manchmal noch die passenden Worte fehlten. „Gerade Kinder, die noch nicht sicher Deutsch sprechen, können sich über ihren Körper, ihre Mimik und ihre Gestik ausdrücken“, sagt Ihle. „Theater bietet ihnen die Chance, Erlebtes zu verarbeiten, Selbstvertrauen zu entwickeln und mit anderen Kindern in Kontakt zu kommen. Dass wir dieses Projekt trotz vieler Kürzungen im Migrationsbereich bundesweit realisieren konnten, freut mich deshalb ganz besonders.“
Für die Umsetzung hatte die AWO erneut stand2gether nach Lehrte geholt. Das deutschlandweit tätige Kollektiv arbeitet seit mehreren Jahren im Respekt-Coach-Programm an Schulen und hat bereits mehr als 200 Workshops durchgeführt. Zum Team gehören Schauspielerinnen und Schauspieler sowie Theaterpädagoginnen und Theaterpädagogen, die gesellschaftliche Themen wie Ausgrenzung, Vorurteile oder Mobbing mit kreativen Methoden aufgreifen. Eine von ihnen war Alena Esra Wiedem, die den Workshop in Lehrte leitete. Für sie war entscheidend, dass Theater Kindern Freiräume eröffnet.
„Theater lebt von Körpersprache, Mimik und Gestik. Dadurch können wir den Kindern vieles vermitteln, ohne dass Sprache zur Hürde wird“, sagt Wiedem. „Sie dürfen bei uns auch in ihrer Muttersprache sprechen. Viele haben Angst, Fehler zu machen, wenn sie Deutsch sprechen. Beim Theater verlieren sie diese Hemmungen, weil sie merken, dass sie sich auf ganz unterschiedliche Weise ausdrücken können.“ Der erste Workshoptag begann mit Kennenlernspielen und Bewegung zur Musik. Anschließend verwandelten sich einfache Alltagsgegenstände in Requisiten einer Fantasiewelt. Ein Stift wurde zum Flugzeug, Kinder schlüpften in Rollen als Prinzessinnen, Superhelden oder Tiere und entwickelten gemeinsam kleine Szenen.
„Die Kinder kannten sich teilweise vorher überhaupt nicht und hatten untereinander sogar sprachliche Barrieren“, berichtet Wiedem. „Aber das fällt erstaunlich schnell weg. Über das gemeinsame Spielen entstehen ganz selbstverständlich Kontakte. Man merkt richtig, wie sie mutiger werden und ihre Komfortzone verlassen.“ Gerade diese Erfahrung machte den besonderen Wert des Workshops aus. Nicht Leistung oder Perfektion standen im Mittelpunkt, sondern gemeinsames Ausprobieren, Kreativität und gegenseitiges Vertrauen. Die Kinder lernten, aufeinander zu reagieren, Ideen anderer anzunehmen und gemeinsam etwas entstehen zu lassen.
Am Ende blieben nicht nur viele selbst gemalte Bilder und improvisierte Theatergeschichten. Vor allem nahmen die Kinder neue Erfahrungen mit – und das Gefühl, dass Herkunft, Sprache oder Unsicherheit beim gemeinsamen Spielen plötzlich keine Rolle mehr spielten. In Lehrte zeigte sich an diesen beiden Ferientagen eindrucksvoll, wie Theater Brücken bauen kann – ganz ohne großes Bühnenbild.
Text & Fotos: Christian Degener/AWO