Hannover. Wie lassen sich Deutschkenntnisse und berufliche Perspektiven gemeinsam entwickeln? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Fachgesprächs „Deutschkenntnisse als Voraussetzung für die Integration in den Arbeitsmarkt“, zu dem die AWO Region Hannover am 29. September 2026 im Rahmen der Interkulturellen Woche eingeladen hatte. Im AWO Tagungszentrum diskutierten Fachleute aus Bildung, Handwerk, Pflege und Arbeitsverwaltung darüber, welche sprachlichen Fähigkeiten im Berufsalltag gebraucht werden und wie passende Unterstützung aussehen kann.
Dirk von der Osten, Vorsitzender des Vorstandes der AWO Region Hannover, sprach sich dafür aus, Sprache dort zu lernen, wo Menschen leben und arbeiten. Dazu gehöre auch, kulturelle Zusammenhänge zu verstehen. Zudem plädierte er für flexiblere Ausbildungswege, die unterschiedliche Lernvoraussetzungen berücksichtigen. Der Bundestagsabgeordnete Adis Ahmetovic betonte in seinem Grußwort, dass Sprache weit mehr ermögliche als den Zugang zum Arbeitsmarkt. „Lasst uns Sprach- und Deutschlernen nicht nur ökonomisieren“, appellierte er. Sprache sei eine Grundlage gesellschaftlicher Teilhabe und des Zusammenhalts. Anhand seiner eigenen Familiengeschichte als Sohn bosnischer Kriegsflüchtlinge schilderte er die zentrale Bedeutung von Sprache, Bildung und Unterstützung für seinen Lebensweg. Zugleich forderte er eine verlässliche Finanzierung der Sprachförderung und politische Rückendeckung für die Arbeit der Träger: „Es geht nicht ohne finanzielle Ressourcen.“
„Integration gelingt nicht erst nach dem Spracherwerb“, betonte Daniel Steckbauer, pädagogisch-didaktischer Leiter im Bereich Sprachintegration der AWO Region Hannover. Sprachlernen und Berufspraxis müssten miteinander verbunden werden. Sprachzertifikate böten eine wichtige Orientierung, bildeten die Anforderungen eines konkreten Arbeitsplatzes jedoch nicht vollständig ab. Entscheidend sei, welche kommunikativen Fähigkeiten eine Tätigkeit erfordere und wie diese während der Beschäftigung weiterentwickelt werden könnten. Ebenso wichtig um Sprachförderung zu ermöglichen, sind passende Kurszeiten, Kinderbetreuung und Angebote für Menschen mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen.
Dr. Carl-Michael Vogt, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Hannover, verdeutlichte den Wert von Sprache für Ausbildungsqualität und Arbeitssicherheit. Arbeitsaufträge verstehen, bei Unklarheiten nachfragen und Handlungsschritte sicher ausführen: Diese Fähigkeiten müssten gezielt entwickelt werden. „Mit dem Ausbildungsvertrag geben Betriebe ein Ausbildungsversprechen ab“, erklärte Dr. Carl-Michael Vogt, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Hannover. Dazu gehöre, notwendige Unterstützung zu ermöglichen. Verständliche Anweisungen, feste Ansprechpersonen und externe Sprachförderung könnten dabei helfen. Vogt stellte zudem einen regionalen Ansatz mit frühen Sprachtests, Beratung und ausbildungsbegleitenden Sprachkursen vor.
In der von Gabriele Schuppe moderierten Podiumsdiskussion wurden auch die Grenzen der Umsetzung deutlich. Stefan Bode, Mitglied der Geschäftsführung des Jobcenters Region Hannover, berichtete von Schwierigkeiten, Arbeitgeber für Freistellungen zur Sprachförderung zu gewinnen. Desislava Tzvetkova-Gerken, Bildungskoordinatorin im Fachbereich Bildung und Kultur der Region Hannover, hob hervor, dass Ausbildung neben mündlicher Kommunikation auch Lese- und Schreibkompetenzen sowie weitere schulische Grundlagen erfordere. Sie wünschte sich Sprachförderung als festen Bestandteil des gesamten Bildungssystems.
Sina Otten, Integrationsbeauftragte der Medizinischen Hochschule Hannover, beschrieb, wie international angeworbene Pflegefachkräfte durch berufsbezogene Sprachkurse und ein ergänzendes Sprachcafé unterstützt werden. Dafür würden Mitarbeitende freigestellt. Die betonte, gute Kommunikation sei in der Pflege für die Zusammenarbeit mit Patientinnen und Patienten, Angehörigen und den verschiedenen Berufsgruppen unverzichtbar.
Beiträge aus dem Publikum ergänzten die Diskussion um weitere Erfahrungen. Isabel Geißler, Einrichtungsleitung des Domicil im Nikolai-Viertel, berichtete von einem Berufssprachkurs für Beschäftigte aus verschiedenen Arbeitsbereichen, darunter Küche und Reinigung. Ein Angebot, dass sich bewusst auch an Menschen richte, die bereits lange in Deutschland leben und arbeiten. Damit Freistellungen gelingen, müsse das gesamte Team einbezogen werden. Nadine Ziegler von der BBS 2 Hannover betonte, dass Lernen im Arbeitsalltag allein nicht überall ausreiche. Berufsschulen benötigten spezialisierte Sprachförderung: „Wir brauchen die Zusammenarbeit mit Trägern und eine professionelle Sprachförderung.“
Das Fachgespräch machte deutlich, dass Sprachförderung und Berufspraxis gemeinsam gestaltet werden müssen. Dafür braucht es passende Angebote, die Möglichkeit zu betrieblichen Freistellungen und eine verlässliche Zusammenarbeit zwischen Betrieben, Berufsschulen, Sprachkursträgern und Arbeitsverwaltung. Zugleich wurde die Forderung nach dauerhaft finanzierten und institutionell verankerten Angeboten deutlich. Nadine Ziegler verwies auf fehlende Stellen für spezialisierte Sprachlehrkräfte an Berufsschulen, Desislava Tzvetkova-Gerken plädierte für Sprachförderung als festen Bestandteil des gesamten Bildungssystems. Adis Ahmetovic forderte neben ausreichenden finanziellen Mitteln auch Anerkennung und politische Rückendeckung für die Arbeit der Träger. Damit richtete sich der Blick auch auf die Verantwortung der zuständigen Stellen auf Bundes- und Landesebene, verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen.
Text & Foto: Elisa Bader/AWO Region Hannover