Region Hannover/Hannover-List. Wenn sich die Räume im Obergeschoss auf mehr als 30 Grad aufheizen, beginnt im AWO Familienzentrum Gottfried-Keller-Straße die Suche nach Ausweichmöglichkeiten: Welche Räume sind noch vergleichsweise kühl? Wo können Kinder untergebracht werden? Und lässt die Belegung des Hauses einen Wechsel überhaupt zu? Beim Besuch von Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay (Bündnis 90/Die Grünen) wurde deutlich, wie unmittelbar Hitze und unzureichender baulicher Schutz den Alltag einer Kindertagesstätte beeinflussen.
Onay besuchte die Einrichtung gemeinsam mit Claudia Bax, Ratsfrau und Spitzenkandidatin der Grünen für den Stadtrat im Wahlbereich List, sowie Annika Döhne, Spitzenkandidatin für den Bezirksrat Vahrenwald-List. Einrichtungsleiter Timm Stellmacher, Fachbereichsleiterin Joana Kleindienst und Dirk von der Osten, Vorstandsvorsitzender der AWO Region Hannover, führten die Gäste durch das Familienzentrum und berichteten über die aktuellen Herausforderungen.
„Wenn die Temperaturen 30 bis 35 Grad und mehr erreichen, ist es gerade im Obergeschoss schwer auszuhalten“, schilderte Stellmacher. „Dann müssen wir schauen, ob wir Kinder in kühlere Bereiche umziehen lassen können. Ob das möglich ist, hängt aber davon ab, wie voll das Haus ist.“
Zusätzliche Wärme entsteht unter anderem in der Küche. Die Einrichtung prüft deshalb verschiedene Möglichkeiten, um die Sonneneinstrahlung zu reduzieren. Plissees oder außen liegender Sonnenschutz können erste Schritte sein. Ob sie ausreichen, zeigt sich jedoch häufig erst während der nächsten Hitzeperiode. Gleichzeitig unterscheiden sich Aufwand und Kosten der verschiedenen Lösungen erheblich.
Für von der Osten darf der Schutz vor Hitze deshalb nicht von Einzelentscheidungen und kurzfristigen Versuchen abhängig bleiben. „Die Temperaturen müssen einigermaßen kontrollierbar sein. Dafür brauchen wir die passenden Maßnahmen“, sagte der Vorstandsvorsitzende. „Man muss sich jede Einrichtung einzeln ansehen: vom Sonnenschutz an den Fenstern bis zu Flachdächern, die begrünt und bewässert werden können.“
Welche Lösung geeignet ist, hängt vom Gebäude, seiner Lage, der Nutzung der Räume und den vorhandenen Außenflächen ab. Notwendig ist daher eine systematische Bestandsaufnahme für alle Einrichtungen. Gerade dort, wo sich viele Kinder und Mitarbeitende über Stunden in einem Raum aufhalten, steigt die Temperatur durch Bewegung und Körperwärme zusätzlich an.
Neben dem Hitzeschutz beschäftigte die Beteiligten die Einbruchserie in hannoverschen Kindertagesstätten. Bis Anfang Juli hatte die AWO Region Hannover bereits zehn Einbrüche in ihren Einrichtungen in diesem Jahr verzeichnet. Häufig steht der Wert der Beute dabei in keinem Verhältnis zu den angerichteten Schäden: Fenster und Türen werden aufgebrochen, Schränke durchwühlt und Räume verwüstet.
Gleichzeitig ist die Suche nach wirksamen Schutzmaßnahmen kompliziert. Werden Fenster oder Türen massiv verstärkt, besteht die Gefahr, dass Einbrecher*innen an anderer Stelle noch größere Schäden verursachen. Eine nächtliche Videoüberwachung wirft wiederum datenschutzrechtliche Fragen auf. Die AWO setzt deshalb bislang vor allem darauf, Bargeld und Wertgegenstände nicht mehr in den Kindertagesstätten aufzubewahren. „Früher wurde Bargeld im Büro gelagert. Das machen wir längst nicht mehr“, berichtete Stellmacher.
Im Gespräch ging es auch darum, vorhandene Sicherheitstechnik schneller instand zu setzen und für die Einrichtungen verlässliche Ansprechpartner*innen zu benennen. Denn nach einem Einbruch müssen die Schäden nicht nur dokumentiert und repariert werden. Für Mitarbeitende ist es zudem belastend, eine verwüstete Einrichtung zu betreten und anschließend möglichst schnell wieder einen geregelten Alltag für die Kinder herzustellen.
Onay kündigte an, mehrere der angesprochenen Gebäudefragen noch einmal in die Stadtverwaltung mitzunehmen. Grundsätzlich brauche es schnellere und flexiblere Verfahren, sagte der Oberbürgermeister. Das gelte angesichts veränderter Kinderzahlen ebenso wie für notwendige bauliche Anpassungen. „Wir brauchen mehr Flexibilität – sowohl beim Personal als auch bei den Gebäuden“, sagte Onay. „Einrichtungen müssen schneller angepasst werden können. Wenn Veränderungen erst nach mehrjährigen Verfahren und weiteren Ausschreibungen möglich werden, funktioniert es nicht.“
Während in einigen Altersgruppen die Kinderzahlen zurückgehen, wachsen gleichzeitig die pädagogischen Anforderungen. Stellmacher berichtete von mehr Kindern, die Unterstützung bei der sprachlichen Entwicklung benötigen oder bei denen sich erst während der Betreuung ein besonderer Förderbedarf zeigt. Das Familienzentrum begleite die Familien dann bei der Suche nach kinderärztlicher Unterstützung, Diagnostik, Therapie und Förderung.
„Für mich ist wichtig: Wir schmeißen keine Kinder raus“, betonte Stellmacher. „Wenn wir eine Auffälligkeit feststellen, begleiten wir die Familie durch den weiteren Prozess. Viele Eltern haben Angst, ihren Betreuungsplatz zu verlieren, sobald deutlich wird, dass ihr Kind besondere Unterstützung benötigt.“
In der Einrichtung werden derzeit 77 Kinder von der Krippe bis zum Kindergarten betreut. Die pädagogische Arbeit orientiert sich am Early-Excellence-Ansatz: Im Mittelpunkt stehen die Stärken und Kompetenzen der Kinder, die Zusammenarbeit mit den Eltern sowie eine enge Verbindung von Betreuung, Bildung und Beratung.
Unterstützt wird das Team unter anderem durch mobile Sprachförderkräfte der AWO. Sie entwickeln Materialien und sogenannte Sprachboxen, mit denen die pädagogischen Fachkräfte gezielt mit den Kindern arbeiten können. Allerdings stehen für dieses Angebot heute weniger Stunden zur Verfügung als noch in der Vergangenheit.
Claudia Bax sieht besonders beim Übergang von der Kita in die Schule Handlungsbedarf. „Gerade an der Schnittstelle zwischen Kita und Grundschule muss Sprachförderung besser verzahnt werden“, sagte sie. „Kommunale und Landesressourcen sollten zusammengedacht und gebündelt werden. Davon profitieren die Kinder ebenso wie die Einrichtungen.“
Auch die Zusammenarbeit mit den Eltern und die Vorbereitung auf die Grundschule waren Themen des Besuchs. Das Familienzentrum will sein letztes Kita-Jahr künftig noch gezielter gestalten. Eltern wünschten sich regelmäßig Angebote, die die Neugier der Kinder fördern und ihnen den Übergang in die Schule erleichtern, berichtete Stellmacher.
Darüber hinaus bietet das Familienzentrum offene Gruppen, Elternbildungsangebote und Beratung an. Familien können dadurch frühzeitig erreicht und bei Bedarf unkompliziert an weitere Hilfen vermittelt werden. Der Rundgang machte deutlich: Familienzentren sind längst mehr als Betreuungsorte.
Redaktion & Fotos: Christian Degener/AWO