„Ohne die Möglichkeit, hier zu wohnen, wüsste ich nicht, wohin ich sonst gehen könnte“, sagt Benjamin Kiel.

„Ich will mich nicht wieder überschätzen“

Nach einer schweren psychischen Krise zog Benjamin Kiel in das AWO Wohnheim Nordfelder Reihe. Heute nimmt der 25-Jährige an einer Arbeitstherapie teil und bereitet sich schrittweise auf den beruflichen Wiedereinstieg vor.

Region Hannover/Hannover. Benjamin Kiel hat wieder Pläne für seine berufliche Zukunft. Derzeit nimmt er an einer Arbeitstherapie teil, anschließend möchte er zunächst in einem Zuverdienst arbeiten. Später könnte eine berufliche Rehabilitation oder der direkte Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt folgen. Einen Schritt nach dem anderen – das ist dem 25-Jährigen wichtig. „Ich möchte mich nicht wieder überschätzen und dadurch erneut in eine Krise geraten“, sagt er.

Seit viereinhalb Jahren lebt Kiel im AWO Wohnheim Nordfelder Reihe, das in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert. Inzwischen wohnt er in einer der Außenwohngruppen der Einrichtung. Der Weg dorthin begann für ihn bereits als Jugendlicher. Mit 16 Jahren kam er in die Obhut des Jugendamtes und lebte zunächst in einer Wohngruppe für Jugendliche. Für eine schulische Ausbildung zog er aus seiner Heimatstadt nach Hannover und wechselte dort in eine weitere Einrichtung der Jugendhilfe.

Von 2018 bis 2020 absolvierte Kiel eine Ausbildung zum Fachinformatiker. Anschließend fand er schnell eine Stelle als IT-Consultant in einem mittelständischen Unternehmen. Doch schon während der Ausbildung hatte er gemerkt, wie stark ihn Stress und Leistungsdruck belasteten. Nach rund drei Monaten im Beruf verschlechterte sich sein Zustand erheblich. „Irgendwann ging nichts mehr“, erzählt er. Er musste seine Arbeitsstelle aufgeben.

Zu dieser Zeit war Kiel bereits an einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung erkrankt. Hinzu kamen die Einschränkungen während der Corona-Pandemie. Er zog sich immer weiter zurück, konnte kaum noch aufstehen und musste viel schlafen. Als die Unterstützung durch die Jugendhilfe mit dem Erreichen der Altersgrenze endete, vermittelten ihm seine damaligen Betreuer*innen einen Platz im Wohnheim Nordfelder Reihe.

Die erste Zeit dort war weiterhin von starkem Rückzug geprägt. „Ich konnte fast niemanden an mich heranlassen und bin kaum aus dem Bett gekommen“, berichtet Kiel. Die verlässliche Begleitung durch die Mitarbeitenden und die verschiedenen Angebote der Einrichtung halfen ihm dabei, seinen Alltag allmählich wieder aktiver zu gestalten. Besonders wichtig war für ihn die Ergotherapie.

Im weiteren Verlauf absolvierte Kiel eine stationäre Traumatherapie. Seitdem habe sich sein Zustand deutlich verbessert, erzählt er. „Ich schaffe es heute wieder, nach draußen zu gehen, meinen Hobbys nachzugehen und mit fremden Menschen zu sprechen.“ Vor allem in den vergangenen drei Jahren habe er spürbare Fortschritte gemacht.

Dass er diese Entwicklung machen konnte, führt Kiel auch auf die Unterstützung im Wohnheim zurück. Die Mitarbeitenden begleiten ihn bei der Strukturierung seines Alltags und helfen ihm dabei, die nächsten Schritte realistisch zu planen. „Ohne die Möglichkeit, hier zu wohnen, wüsste ich nicht, wohin ich sonst gehen könnte“, sagt er. Mit den Mitarbeitenden und den anderen Bewohner*innen sei er sehr zufrieden.

Sein derzeitiges Ziel ist die schrittweise Rückkehr ins Arbeitsleben. Nach der Arbeitstherapie wartet Kiel auf einen Platz in einem Zuverdienstangebot. Dort kann er unter angepassten Bedingungen erproben, wie belastbar er bereits ist. Anschließend will er gemeinsam mit seinen Unterstützer*innen entscheiden, ob eine berufliche Rehabilitation sinnvoll ist oder ob er direkt wieder eine Beschäftigung aufnehmen kann.

Auch wenn er eine Arbeit findet, möchte Kiel zunächst weiterhin im Wohnheim beziehungsweise in der dazugehörigen Außenwohngruppe leben. Die Unterstützung soll ihm helfen, seine Belastungsgrenzen im Blick zu behalten. Bei seinem ersten Einstieg ins Berufsleben habe er Warnzeichen zu lange übergangen. Diesmal wolle er vermeiden, sich zu viel auf einmal vorzunehmen.

Durch seine Arbeitstherapie, weitere Termine und Freizeitaktivitäten ist Kiel inzwischen häufig unterwegs. Deshalb nimmt er nicht mehr so regelmäßig an den Angeboten im Haupthaus teil. Dort gibt es neben der Ergotherapie wechselnde Gruppenangebote, die unter anderem von Student*innen und Auszubildenden begleitet werden.

Wie andere Bewohner*innen wünscht sich Kiel einen neuen Hobby- und Aufenthaltsraum. Ein solcher Raum könnte für ihn ein zusätzlicher Anlass sein, häufiger ins Haupthaus zu kommen und dort Zeit mit anderen zu verbringen. Auch bei notwendigen Reparaturen sieht er Verbesserungsmöglichkeiten: Da ein Hausmeister mehrere Wohngruppen betreut, dauerten Arbeiten mitunter länger.

Entscheidend ist für Kiel jedoch die Unterstützung, die er in den vergangenen viereinhalb Jahren erfahren hat. Sie gibt ihm die Möglichkeit, sich zu stabilisieren und seine beruflichen Pläne in einem Tempo zu verfolgen, das zu seiner Situation passt. „Erst einmal möchte ich hier wohnen bleiben“, sagt er. „Auch wenn ich wieder arbeite.“

Redaktion & Foto: Christian Degener/AWO

„Ohne die Möglichkeit, hier zu wohnen, wüsste ich nicht, wohin ich sonst gehen könnte“, sagt Benjamin Kiel.

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