Region Hannover/Hannover. Wenn Jan Philipp Brühne Unterstützung benötigt, ist jemand da. Er kann ein Gespräch suchen, sich bei Behördenangelegenheiten helfen lassen oder gemeinsam mit den Mitarbeitenden überlegen, wie es beruflich weitergehen könnte. „Das Wohnheim ist für mich wie ein Sicherheitsnetz“, sagt der 33-Jährige. Seit rund zwei Jahren lebt er im AWO Wohnheim Nordfelder Reihe, das in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert.
Zuvor wohnte Brühne allein und studierte Chemie. Sieben Semester lang war er an der Hochschule eingeschrieben. Während der Corona-Pandemie zog er sich jedoch immer weiter zurück. „Ich bin teilweise sehr vereinsamt und habe mich schließlich fast vollständig isoliert“, erzählt er. Die Depressionen, unter denen er bereits zuvor gelitten hatte, verstärkten sich. Irgendwann sei ihm klar geworden, dass er den Alltag allein nicht mehr bewältigen könne und mehr Unterstützung benötige.
Während eines Klinikaufenthalts erfuhr Brühne von Wohnangeboten für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Er besichtigte zwei Einrichtungen und entschied sich für das Wohnheim Nordfelder Reihe. Ausschlaggebend war für ihn vor allem die Atmosphäre. „Hier hat es für mich einfach am besten gepasst“, sagt er. Besonders wichtig sei ihm der respektvolle und persönliche Umgang gewesen. Dass sich Bewohner*innen und Mitarbeitende duzen, habe ihm den Einstieg erleichtert.
„Natürlich ist die Beziehung zu den Mitarbeitenden professionell. Gleichzeitig ist sie nah genug, dass ich mich mit meinen Anliegen an sie wenden kann“, beschreibt Brühne das Miteinander. Er fühle sich weder von oben herab noch wie ein Patient behandelt. „Ich habe hier nie das Gefühl, nicht ernst genommen oder wie ein Kind behandelt zu werden.“
Die Unterstützung richtet sich danach, was im jeweiligen Alltag gebraucht wird. Manche Bewohner*innen können morgens geweckt werden, andere erhalten Hilfe bei der Ordnung im eigenen Zimmer, bei Anträgen oder beim Kontakt mit Behörden. Brühne schätzt besonders, dass er Probleme zeitnah ansprechen kann. Derzeit nimmt er an einer Maßnahme des Jobcenters teil. Was er dort erlebt und welche Schwierigkeiten auftreten, kann er anschließend mit den Mitarbeitenden des Wohnheims besprechen. „Es ist gut zu wissen, dass ich hier einen sicheren Ort und Ansprechpersonen habe.“
Auch beruflich entwickelt Brühne inzwischen neue Pläne. Chemie interessiert ihn weiterhin – nicht nur durch sein Studium, sondern auch durch eine zuvor abgeschlossene Ausbildung in diesem Bereich. Im Studium habe er allerdings festgestellt, dass ihm die Inhalte auf Dauer zu theoretisch waren. Künftig möchte er deshalb wieder stärker praktisch arbeiten. Als nächste Schritte will er nach Praktikumsplätzen und passenden beruflichen Möglichkeiten suchen.
Langfristig gehört auch eine eigene Wohnung zu seinen Zielen. Einen festen Zeitplan setzt er sich dafür bewusst nicht. „Ich mache mir keinen Stress und gehe das langsam an – so, wie es sich für mich richtig anfühlt.“ Neben der individuellen Unterstützung hilft ihm das Zusammenleben mit den anderen Bewohner*innen. Niemand werde gezwungen, Kontakte zu knüpfen. Durch die Ergotherapie und die Gruppenangebote ergäben sich Begegnungen jedoch häufig von selbst. „So konnte ich hier gute Kontakte aufbauen“, sagt Brühne. Gerade für Menschen, die sich zurückgezogen haben oder unter sozialen Ängsten leiden, könne das hilfreich sein. Viele Bewohner*innen hätten Verständnis füreinander, weil sie ähnliche Erfahrungen gemacht hätten.
Inzwischen bringt sich Brühne auch im Heimbeirat ein. Dass er sich zur Wahl gestellt hat und von den anderen Bewohner*innen gewählt wurde, ist für ihn ebenfalls ein Schritt heraus aus der Isolation. Der Beirat vertritt die Interessen der derzeit 33 Bewohner*innen und bringt ihre Anliegen in den Alltag der Einrichtung ein.
Einen konkreten Wunsch hat Brühne ebenfalls: einen neuen gemeinschaftlichen Aufenthaltsraum. Früher gab es im Keller einen Raum mit Dartscheibe und Kicker, der aus Brandschutzgründen nicht mehr genutzt werden kann. „Ein Raum, in dem man zusammensitzen, Musik hören oder gemeinsam etwas unternehmen kann, wäre schön“, sagt er.
Für Brühne besteht die Hilfe des Wohnheims nicht in einer einzelnen Maßnahme. Es ist die Verbindung aus verlässlicher Unterstützung, einem respektvollen Umgang, sozialen Kontakten und der Möglichkeit, das eigene Leben Schritt für Schritt wieder selbstständiger zu gestalten. „Wenn ich Probleme habe, wird mir hier geholfen“, sagt er. „Und ich werde ernst genommen.“
Redaktion & Foto: Christian Degener/AWO