Region Hannover/Hannover. Der Auszug gehört hier von Anfang an zum Plan. Das Wohnheim „Nordfelder Reihe“ der AWO Region Hannover ist kein dauerhafter Lebensmittelpunkt, sondern ein Zuhause auf Zeit: Seit 50 Jahren unterstützt die Einrichtung Menschen, die aufgrund einer psychischen Erkrankung in ihrer selbstständigen Lebensführung eingeschränkt sind. Gemeinsam mit den Bewohner*innen arbeitet das Team daran, Krisen zu bewältigen, Alltagsfähigkeiten zu stärken und eine Perspektive für das Leben in einer eigenen Wohnung zu entwickeln.
Zur Jubiläumsfeier konnte Einrichtungsleiter Marco Schomakers jetzt rund 40 Gäste aus Politik und Verwaltung der Stadt Hannover und Region Hannover, Kooperationspartnerinnen, Mitarbeiterinnen und Bewohner*innen der Einrichtung begrüßen. Unter ihnen war Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay. Für den Heimbeirat sprach Fabian Merwald. Auch Sabine Kirschnick-Tänzer, die das Wohnheim seit mehr als 30 Jahren ärztlich begleitet, nahm an der Feier teil.
Onay dankte den Mitarbeiter*innen für ihre Arbeit und würdigte die Einrichtung als wichtigen Teil der sozialen Infrastruktur der Stadt. „Hannover hat den Anspruch, inklusiv, sozial und solidarisch zu sein, Menschen nicht außerhalb der Gesellschaft stehen zu lassen, sondern sie immer an der Stadtgesellschaft teilhaben zu lassen“, sagte der Oberbürgermeister. Die Landeshauptstadt Hannover stellt das Haupthaus an der Nordfelder Reihe als Vermieterin zur Verfügung. „Unser Beitrag sind die vier Wände und das Dach. Viel wichtiger und entscheidend ist aber, was hier passiert: dass Menschen den Weg in die Selbstständigkeit, in die Gesellschaft und in das alltägliche Leben zurückfinden. Das geschieht nicht durch die Wände, sondern vor allem durch die Menschen, die hier tagtäglich ein tolles Zusammenleben organisieren.“
„Bei uns beginnt der Blick auf den Auszug bereits mit dem Einzug“, sagt Schomakers. „Wir wollen den Bewohner*innen nicht möglichst viel abnehmen. Wir unterstützen sie dabei, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen und Schritt für Schritt wieder eigenständiger zu werden.“
Als Vertreter des Heimbeirats schilderte Fabian Merwald, was diese Unterstützung aus Sicht der Bewohner*innen bedeutet. „Was für andere Alltag sein mag, ist für uns eine Herausforderung“, sagte Merwald. „Wir sind Menschen mit einer Geschichte, die hier seit 50 Jahren ein Zuhause finden dürfen, an der Gesellschaft teilhaben und einen Weg finden dürfen, sich selbst zu verwirklichen, ohne sich verstecken zu müssen.“ Besonders wichtig seien ihm die Werte, für die das Wohnheim stehe: „Hier steht man für Toleranz und Solidarität ein. Das sind sehr wichtige Werte, die in diesen vier Wänden und hoffentlich auch außerhalb in unserem Alltag gelebt werden.“
Was 1976 mit 15 Plätzen im Haus an der Nordfelder Reihe 25 begann, ist im Laufe der Jahrzehnte gewachsen. Heute betreut die Einrichtung 35 Menschen an vier Wohnstandorten in Hannover: im Haupthaus an der Nordfelder Reihe, in der Striehlstraße, am Ihmeplatz und am Klagesmarkt. Hinzu kommt die ergotherapeutische Werkstatt in der Spichernstraße. Insgesamt arbeiten 25 Mitarbeiterinnen in der Einrichtung – darunter Sozialarbeiterinnen, Ergotherapeutinnen, eine Heilpädagogin und eine Erzieher*in sowie Beschäftigte in der Tag- und Nachtbereitschaft, der Verwaltung, der Reinigung und im technischen Bereich.
Die Wohnbereiche sind ähnlich wie Wohngemeinschaften organisiert. Alle Bewohnerinnen haben ein eigenes Zimmer, teilen sich jedoch Küchen und sanitäre Bereiche. Eine zentrale Verpflegung gibt es bewusst nicht: Die Bewohnerinnen kaufen selbst ein, kochen, waschen ihre Wäsche und kümmern sich um die Reinigung ihrer Zimmer und der gemeinschaftlich genutzten Räume. Wo Unterstützung notwendig ist, steht das Team zur Seite. Rund um die Uhr ist eine Ansprechperson erreichbar.
„Viele Dinge, die selbstverständlich erscheinen, können nach einer psychischen Krise zu einer großen Herausforderung werden“, erklärt Schomakers. Das könne zum Beispiel bedeuten, wieder einen verlässlichen Tagesablauf zu entwickeln, mit Geld umzugehen, Termine einzuhalten oder Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen. Entscheidend sei, gemeinsam herauszufinden, was jemand bereits selbst könne und an welcher Stelle Unterstützung gebraucht werde. „Das Ziel ist Inklusion. Es geht darum, wie Menschen mit ihren Belastungen und Einschränkungen nach eigenen Vorstellungen gut in der Gesellschaft leben können.“
Neben der Alltagsbegleitung unterstützt das Team die Bewohner*innen bei der Vermeidung und Bewältigung von Krisen, bei der Inanspruchnahme medizinischer Leistungen, im Kontakt mit Behörden und Ämtern sowie bei der Entwicklung beruflicher Perspektiven. Die medizinische Behandlung erfolgt nicht im Wohnheim, sondern über niedergelassene Praxen, psychiatrische Ambulanzen und sozialpsychiatrische Beratungsstellen.
Ein wichtiger Bestandteil des Angebots ist die heiminterne Tagesstruktur. An fünf Tagen in der Woche bietet die ergotherapeutische Werkstatt individuelle Förderungs- und Betätigungsmöglichkeiten an. Ergänzt wird das Programm durch weitere regelmäßige und wechselnde Gruppenangebote. Welche Aktivitäten sinnvoll sind, wird gemeinsam mit den Bewohner*innen vereinbart.
Gegründet wurde das Wohnheim von der Gesellschaft für psychosoziale Hilfen Hannover e.V. Im Jahr 2000 übernahm die AWO Region Hannover die Trägerschaft. Vier Jahre später wurde das Haupthaus gemeinsam mit der Landeshauptstadt Hannover als Vermieterin umfassend saniert. Die bis dahin vorhandenen Doppelzimmer wurden aufgelöst; seither stehen in allen Wohnbereichen ausschließlich Einzelzimmer zur Verfügung.
Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Sabine Kirschnick-Tänzer begleitet die Einrichtung seit 1992 – zunächst als Heimärztin und auch nach ihrem Eintritt in den Ruhestand weiterhin beratend sowie mit Gruppenangeboten für die Bewohner*innen. Die ehemalige Oberärztin der KRH Psychiatrie Wunstorf und frühere Sprecherin des Arbeitskreises Gemeindepsychiatrie ordnete die Gründung des Wohnheims in die damalige Reform der psychiatrischen Versorgung ein: „Die Nordfelder Reihe ist ein Kind der Psychiatrie-Enquête von 1975.“ Schon früh sei es darum gegangen, Menschen mit Psychiatrieerfahrung einzubeziehen: „Nicht über sie, sondern mit ihnen zu sprechen.“
Begriffe wie Offenheit, Wertschätzung und Respekt stünden in der Nordfelder Reihe nicht nur auf dem Papier, betonte Kirschnick-Tänzer. „Sie sind hier mit Leben gefüllt worden. Das ist eine immense Herausforderung: den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, die eigenen Ressourcen und die eigene Widerstandskraft zu bewahren und gleichzeitig professionell zu arbeiten. Das ist eine enorme Kunst.“
Ebenfalls 2004 entstand eine Außenwohngruppe in der Alemannstraße. 2011 kamen neun Plätze in der nahe gelegenen Striehlstraße hinzu. 2017 zog die Wohngruppe aus der Alemannstraße an den Ihmeplatz; die ergotherapeutische Werkstatt wechselte in die Spichernstraße. Mit der Eröffnung des Wohnbereichs am Klagesmarkt im Jahr 2023 stieg die Zahl der Plätze schließlich auf 35. Zum 40-jährigen Bestehen im Jahr 2016 waren es noch 29 Plätze an drei Wohnstandorten gewesen.
„Fünfzig Jahre Nordfelder Reihe stehen nicht für fünfzig Jahre unveränderte Arbeit“, sagt Dirk von der Osten, Vorstandsvorsitzender der AWO Region Hannover. „Die Einrichtung hat sich fachlich und organisatorisch immer wieder an neue Lebenslagen und Unterstützungsbedarfe angepasst. Konstant geblieben ist der Anspruch, den Bewohner*innen etwas zuzutrauen, ihre Selbstbestimmung zu achten und ihnen konkrete Perspektiven zu eröffnen.“
Die Bewohner*innen sind zwischen 21 und 61 Jahre alt, der Altersdurchschnitt liegt bei rund 30 Jahren. In der Regel leben sie vier bis sechs Jahre in der Einrichtung und ziehen anschließend in eine eigene Wohnung – häufig mit ambulanter Unterstützung – oder wechseln in ein anderes passendes betreutes Angebot.
Allerdings ist dieser nächste Schritt schwieriger geworden. Während vor rund zehn Jahren noch etwa zehn Bewohner*innen jährlich ein- und auszogen, sind es derzeit lediglich drei bis vier. Ein wesentlicher Grund ist der angespannte Wohnungsmarkt.
„Ein Mensch kann bereit für die eigene Wohnung sein – damit ist aber noch keine bezahlbare Wohnung gefunden“, sagt Schomakers. „Die lange Suche verzögert den Auszug und führt zugleich dazu, dass weniger Plätze für Menschen frei werden, die auf eine Aufnahme warten.“
Zugleich erreichen das Wohnheim zunehmend Anfragen für junge Erwachsene, die aus der Jugendhilfe in die Eingliederungshilfe wechseln. Neben den Folgen psychischer Erkrankungen geht es bei ihnen häufig um grundlegende Fähigkeiten, die sie bislang nicht ausreichend erlernen konnten – etwa Haushaltsführung, den Umgang mit Geld oder die eigenständige Organisation des Alltags. Dadurch verändern sich die Schwerpunkte der Betreuung und die Hilfebedarfe der Bewohner*innen.
Grundlage der Arbeit bleibt die Beziehung zwischen Mitarbeiterinnen und Bewohnerinnen. Das System der Bezugsarbeit sorgt für feste Ansprechpersonen und kontinuierliche Kontakte. Im Wohnheim duzen sich Bewohner*innen und Beschäftigte.
„Das Du bedeutet bei uns keinen Verzicht auf Professionalität“, betont Schomakers. „Es ist Ausdruck einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit und steht für Nähe, Verbundenheit und gegenseitigen Respekt. Schließlich ist das Wohnheim für uns ein Arbeitsort, für die Bewohner*innen aber vor allem ihr Lebensort.“
Die Nordfelder Reihe ist außerdem Ausbildungsstätte. Sie kooperiert unter anderem mit der Hochschule Hannover und bietet Studierenden der Sozialen Arbeit Projekt-, Block- und Anerkennungspraktika an. Auch angehende Ergotherapeutinnen, Heilerziehungspflegerinnen und Ex-In-Genesungsbegleiter*innen sammeln dort praktische Erfahrungen. Darüber hinaus beteiligt sich die Einrichtung an verschiedenen Fachgremien und Arbeitskreisen der Gemeindepsychiatrie und der Eingliederungshilfe.
Kontakt:
Marco Schomakers
Einrichtungsleitung Wohnheim „Nordfelder Reihe“
AWO Region Hannover e.V.
Nordfelder Reihe 25
30159 Hannover
Telefon: 0511 1316917
E-Mail: marco.schomakers@awo-hannover.de
Redaktion & Fotos: Christian Degener/AWO