Mit dem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung wächst der Bedarf an guten Konzepten, verlässlichen Strukturen und starker Zusammenarbeit. Die AWO Region Hannover organisiert den Ganztag an vielen Schulen in Hannover – so auch an der Grundschule Kastanienhof. Eine Schulleiterin, eine Mutter und ein pädagogischer Mitarbeiter erzählen, wie sie den Ganztag erleben: als Entlastung, als Bildungsraum – und als Aufgabe, die nur gemeinsam gelingen kann.
Jessica Welzel, 50, ist Schulleiterin der Grundschule Kastanienhof in Hannover-Limmer. Gemeinsam mit der AWO entwickelt die Schule seit dem vergangenen Schuljahr den Ganztag weiter – mit festen Bezugspersonen, vielen Angeboten und enger Zusammenarbeit aller Beteiligten. Als ich selbst zur Schule gegangen bin, sah das Familienleben anders aus als heute. Meine Mutter war da, wenn ich nach Hause kam. Es gab Mittagessen, dann musste ich Hausaufgaben machen, danach konnte ich mich mit Freunden verabreden. Heute arbeiten oft beide Elternteile. Die Zeiten haben sich geändert – und nicht zum Nachteil der Kinder! Aus meiner Sicht als Pädagogin steckt im schulischen Ganztag ungeheuer viel Potenzial für die gesamte Familie.
Rückblickend denke ich selbst: Mir hätte Ganztag wahrscheinlich gutgetan. Ich habe das Erledigen der Hausaufgaben zuhause gehasst. Es gab ständig Streit mit meinen Eltern und großen Erwartungsdruck. Es hieß immer: „Wenn du nicht fertig bist, kannst du auch nirgendwo hin.“ Außerdem musste alles genauso ordentlich sein, wie mein Vater oder meine Mutter sich das vorgestellt hatten. Wenn ich heute Kinder im Ganztag sehe, die ihre Hausaufgaben mit Lehrkräften oder pädagogischen Mitarbeitenden machen, wirkt das oft viel entspannter. Die Erwachsenen dort sind den Kindern nicht so nah wie Eltern – und genau dadurch entstehen häufig weniger Konflikte. Trotzdem schaffen die Kinder ihre Hausaufgaben. Das hätte ich mir damals, ehrlich gesagt, auch gewünscht.
„Die Hausaufgabenbetreuung ist nur ein Teil des Angebots“
In meiner gesamten Laufbahn als Lehrerin habe ich mich deshalb viel mit unterschiedlichen Möglichkeiten und Angeboten des Ganztags beschäftigt, unter anderem habe ich an der IGS Kronsberg den Ganztag mit aufgebaut. Eine gute Hausaufgabenbetreuung ist dabei für mich aber nur ein Teil des Angebots. Im Ganztag erleben Kinder oft Dinge, für die im normalen Schulalltag kaum Raum wäre. Sie entdecken Interessen, probieren sich aus und erleben manchmal ganz neue Seiten an sich. Gerade ruhigere Kinder oder Kinder, die in klassischen Unterrichtssituationen weniger auffallen, bekommen dort oft einen richtigen Aufwind.
Im Moment besuchen etwa 60 Prozent unserer Schülerinnen und Schüler den Ganztag. Betreut werden die Kinder bis 16 Uhr, dazu kommt eine Spätbetreuung bis 17 Uhr. Viele Kinder kommen hier mit Dingen in Berührung, die sie sonst vielleicht nie kennenlernen würden. Deshalb sind Kooperationen und unterschiedliche Angebote so wichtig. Bei uns gibt es zum Beispiel ein riesengroßes Streicherangebot, einen Chor oder Projekte wie eine LEGO-Technik-AG. Vereine und andere Kooperationspartner bringen zusätzlich eigene Angebote mit in die Schule.
„Ein guter Ganztag lebt davon, dass viele Menschen ihre Fähigkeiten einbringen“
Seit Beginn des letzten Schuljahres arbeitet unsere Schule im Ganztag mit der AWO zusammen. Vorher wurde der Ganztag vom Verband Christlicher Pfadfinder betreut. Mit dem Wachstum der Schule brauchte es aber andere Strukturen und mehr Möglichkeiten. Wir haben derzeit etwa 210 Schülerinnen und Schüler, dazu werden noch weitere aus neuen Wohngebieten kommen. Insgesamt arbeiten an der Schule rund 60 Menschen zusammen: Lehrkräfte, pädagogische Mitarbeitende, sozialpädagogische Assistentinnen, Erzieherinnen, Vereine, Kooperationspartner und weitere Fachkräfte.
Ein guter Ganztag lebt aus meiner Sicht davon, dass viele Menschen mit unterschiedlichen Interessen ihre Fähigkeiten einbringen. Lehrkräfte bieten Arbeitsgemeinschaften an, Kolleginnen entwickeln Projekte wie etwa ein Bienenprojekt für unseren neuen Schulgarten, andere bringen technisches oder kreatives Wissen mit. Teilweise arbeiten Lehrkräfte und pädagogische Mitarbeitende auch gemeinsam in einer Lerngruppe oder bieten zusammen Arbeitsgemeinschaften an. Wenn ein Kind an fünf Tagen im Ganztag ist, hat es im Zweifel auch fünf verschiedene Angebote. Das genießen viele Kinder sehr.
Was ich an der Zusammenarbeit mit der AWO besonders schätze, ist die enge Verzahnung zwischen Vormittag und Nachmittag. Die Ganztagskoordination arbeitet eng mit mir zusammen, wir stehen ständig im Austausch. Bei uns gibt es feste Bezugspersonen im Ganztag, tägliche Absprachen und kurze Wege. Das ist wichtig: Kinder merken, ob Erwachsene wirklich an einem Strang ziehen. Wenn die Organisation stimmt, können wir viel individueller auf einzelne Kinder eingehen. Die Kinder bekommen dadurch neben ihren Eltern weitere Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner. Genau darin liegt für mich eine der großen Stärken eines guten Ganztags.
„Ida tut die Struktur des Ganztags richtig gut“
Sarah Diemert, 37, lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Hannover. Ihre Tochter Ida, 9, besucht den Ganztag der Grundschule Kastanienschule. Die Sozialpädagogin und Elternrätin erzählt, warum sie die Nachmittagsbetreuung durch die AWO als große Verbesserung erlebt: Ich hole hier meistens ein fröhliches Kind ab. Meine Tochter Ida ist neun Jahre alt, geht in die dritte Klasse und seit der ersten Klasse auch in den Ganztag der Grundschule Kastanienschule. Wenn ich sie nachmittags um 16 Uhr abhole, erzählt sie oft noch von irgendeiner AG. Oder sie redet darüber, mit wem sie draußen gespielt hat oder welches Kind sie neu kennengelernt hat. Für mich ist das der wichtigste Punkt: dass sie gern hier ist und nicht das Gefühl hat, sie müsse den langen Tag einfach nur irgendwie überstehen. Mein Mann und ich arbeiten beide, ich selbst 30 Stunden. Ohne Betreuung würde das organisatorisch kaum funktionieren. Gleichzeitig wollten wir natürlich nicht, dass Ganztag einfach nur bedeutet: Das Kind wird irgendwo untergebracht.
„Ohne Betreuung würde der Alltag organisatorisch kaum funktionieren“
Besonders schön finde ich, dass die Kinder hier Dinge ausprobieren können, die im normalen Familienalltag womöglich untergehen würden. Ida macht zum Beispiel Street Dance und Parkour. Das sind Angebote, auf die ich selbst wahrscheinlich gar nicht gekommen wäre. Und gleichzeitig entlastet es natürlich, wenn solche Aktivitäten direkt in den Alltag integriert sind und man nicht nach einem langen Arbeitstag noch durch die halbe Stadt fahren muss. Gerade mit zwei Kindern, unterschiedlichen Schulen, Arbeit und unserem Hund merkt man irgendwann einfach, wie schnell Familien organisatorisch an ihre Grenzen kommen. Deshalb haben wir mit zusätzlichen Hobbys außerhalb der Schule auch erst einmal bewusst gewartet. Nur mittwochs geht Ida inzwischen zusätzlich noch zum Handballtraining, an dem Tag hat sie allerdings keinen Ganztag.
Natürlich hat Ganztag auch seine Ambivalenzen. Einerseits bin ich total froh, dass die Hausaufgaben schon erledigt sind, wenn Ida nach Hause kommt. Dadurch entzerrt sich der Nachmittag enorm. Andererseits bekommt man als Eltern dadurch auch weniger mit. Ich sehe zwar, dass es läuft und Ida beim Stoff gut mitkommt, aber ich weiß meistens nicht genau, woran sie gerade in den einzelnen Fächern arbeiten. Darüber erzählt sie natürlich auch nicht so gern wie über den Spaß beim Spielen oder ihre AGs. Bei meinem Sohn, der inzwischen auf dem Gymnasium ist und keinen Ganztag mehr hat, sitze ich bei den Hausaufgaben wieder viel näher dran. Man weiß dann besser, wo das Kind steht.
„Wichtig ist vor allem die Qualität des Angebots“
Trotzdem habe ich insgesamt das Gefühl, dass der Ganztag für unsere Familie gut funktioniert. Wichtig ist für mich vor allem die Qualität. Es reicht nicht, Kinder einfach nur zu betreuen. Sie brauchen verlässliche Strukturen, gute Bezugspersonen und Angebote, die ihnen wirklich etwas geben. Genau deshalb habe ich den Wechsel bei der Betreuung zur AWO auch als große Verbesserung erlebt. Die Umstellung war zwar erst einmal groß. Früher gab es deutlich mehr Freispiel und weniger feste Strukturen. Mit der AWO hat sich vieles verändert: feste Gruppen, geregelte Hausaufgabenzeiten, AGs, klarere Abläufe. Ida tut diese Struktur aber gut.
Früher gab es außerdem Situationen, in denen viel zu wenige Fachkräfte für viel zu viele Kinder zuständig waren. Das hat man als Eltern natürlich mit Sorge beobachtet. Es gab Zeiten mit über hundert Kindern und nur zwei pädagogischen Fachkräften. Wenn man so etwas hört, denkt man irgendwann schon: Das wird kritisch. Deshalb war es für viele Eltern eine Erleichterung, dass sich mit der AWO organisatorisch und personell vieles stabilisiert hat.
Was ich mir trotzdem wünschen würde: noch mehr persönlichen Austausch. Im Alltag passiert vieles zwischen Tür und Angel. Alle holen schnell ihre Kinder ab, alle sind müde. Ich bin selbst im Elternrat und wünsche mir manchmal noch niedrigschwelligere Möglichkeiten, miteinander ins Gespräch zu kommen. Ich fände zum Beispiel ein kleines Elterncafé schön – vielleicht einmal im Monat direkt im Ganztag, ganz unkompliziert und ohne großes Programm. Einfach, damit Eltern, Betreuung und Schule sich besser kennenlernen und man leichter ins Gespräch kommt. Gerade Familien, die sich vielleicht nicht so schnell trauen nachzufragen oder Unterstützung einzufordern, könnte das helfen.
„Es ist wunderbar zu sehen, wie vertieft alle an ihren Sachen arbeiten“
Anton Krüger, 28, arbeitet als Werkstudent im Ganztag der AWO und studiert Sonderpädagogik mit den Nebenfächern Kunst und Sport. Im Umgang mit Kindern setzt er auf Ruhe, klare Grenzen und darauf, Verhalten erst einmal verstehen zu wollen. Viele verbinden Ganztag an Grundschulen mit ohrenbetäubender Lautstärke, viel Bewegung und Trubel. Natürlich gibt es diese Nachmittage auch. Aber ich erlebe oft auch das Gegenteil. In meiner Graffiti-AG sitzen die Kinder manchmal anderthalb Stunden vertieft über ihren Zeichnungen, wir hören dabei Musik, sprechen über Farben, Buchstaben oder Ideen. Es ist wunderbar zu sehen, wie vertieft alle an ihren Sachen arbeiten – und wie sie dabei das Vorurteil widerlegen, dass Kinder sich heutzutage nicht mehr konzentrieren können.
Ich bin 28 Jahre alt und arbeite seit diesem Schuljahr als Werkstudent im Ganztag der AWO. Parallel dazu studiere ich Sonderpädagogik im Master mit den Nebenfächern Kunst und Sport. Drei Nachmittage pro Woche betreue ich Kinder aus dem vierten Jahrgang. Mein Arbeitstag beginnt um 13 Uhr mit der Hausaufgabenbetreuung. Manche sind schnell fertig, andere brauchen die gesamte Zeit. Wenn Kinder fertig sind, können sie in den sogenannten Differenzierungsraum nebenan gehen. Dort dürfen sie auch lauter sein oder spielen. Das finde ich wichtig, weil die Kinder nach dem Unterricht oft Bewegung brauchen.
„Die Graffiti-AG habe ich als Vorschlag eingebracht“
Danach starten die AGs. Dienstags leite ich die Graffiti-AG, mittwochs eine Ballspiele-AG und donnerstags die „Chill-AG“. Die Graffiti-AG war meine Idee. Im Team wurde gefragt, welche Angebote wir machen möchten, und der Vorschlag kam sofort gut an. Im Sommer wollen wir auch Ausflüge zu legalen Graffiti-Wänden in Hannover machen. Im Moment machen wir viel Zeichenübungen oder arbeiten mit Modelliermasse. Mit Kindern arbeite ich tatsächlich schon ziemlich lange. Seit acht Jahren bin ich Fußballtrainer. Ich habe damals eine G-Jugend übernommen, die Kinder waren sechs oder sieben Jahre alt. Inzwischen spielen sie in der C-Jugend. Diesen Sommer höre ich damit auf. Irgendwann wird es zeitlich einfach zu viel, vor allem neben Studium und Arbeit. Trotzdem habe ich in dieser Zeit unglaublich viel gelernt – unter anderem darüber, wie man Beziehungen zu Kindern aufbaut und Konflikte klärt.
Auch hier im Ganztag musste ich erst einmal mit den Kindern zusammenfinden. Wenn man Kinder noch nicht gut kennt, weiß man am Anfang oft nicht, wie sie auf bestimmte Ansagen reagieren oder was bei ihnen funktioniert. Nach und nach entwickelt man dafür aber ein Gefühl. Ich nehme schwierige Situationen meistens nicht persönlich. Vor Kurzem kam zum Beispiel ein Junge viel zu aufgedreht in den Gruppenraum, nachdem er vorher draußen gespielt hatte. Statt ihn sofort zu bestrafen, habe ich ihn erst einmal gebeten, kurz wieder rauszugehen und sich einen Moment Zeit zu nehmen, um runterzufahren. Er konnte selbst entscheiden, wann er zurückkommt. Das hat erstaunlich gut funktioniert.
„Durch die spätere Reflexion von Situationen habe ich viel gelernt“
Natürlich muss man trotzdem Grenzen setzen. Wenn Kinder in einem abfälligen Ton sprechen oder beleidigend werden, spreche ich das direkt an. Gleichzeitig versuche ich immer im Kopf zu behalten, dass kein Kind bewusst schwierig sein will. Oft steckt etwas dahinter, wenn Kinder laut werden, nicht mitmachen oder plötzlich die ganze Gruppe durcheinanderbringen. Meine Erfahrungen helfen mir, damit umzugehen. Im Studium und schon im FSJ habe ich diverse pädagogische Konzepte kennengelernt und etliche Praktika absolviert. Darüber habe ich Berichte geschrieben, in denen ich einzelne Situationen und Verhaltensweisen noch einmal reflektiert habe. Besonders schön sind für mich die Tage, an denen ich merke, dass Kinder an Aufgaben wachsen oder neue Freundschaften entstehen. Das gibt mir selbst neue Energie und ich spüre, dass ich mit diesem Berufsweg die richtige Entscheidung getroffen habe.
Text: Julia Meyer-Hermann · Fotos: Christian Degener/AWO